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Freitag, 20. November 2015, 11:21 Uhr

Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bundesweite Datenbank für Vergiftungsfälle startet

Erstmals zusammenhängende Übersicht über das Expositions- und Vergiftungsgeschehen in Deutschland – Wichtige Voraussetzung für Vergiftungsprävention

Mainz – Woran vergiften sich die Deutschen am meisten? Welche Altersgruppen sind vorwiegend betroffen? Was sind die häufigsten Vergiftungsumstände? Antworten auf diese und ähnliche Fragen gibt künftig die bundesweite Falldatenbank der acht deutschen Giftinformationszentren (GIZ), die jetzt bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT) in Mainz offiziell vorgestellt wurde. Diese Datenbank enthält erste Übersichtsdaten der GIZ zum Expositions- und Vergiftungsgeschehen in Deutschland. Sie ist wichtig, um Programme zur Vergiftungsprävention optimal zu planen, um zukünftig schwere und tödliche Vergiftungen zu vermeiden. Darüber hinaus ein nicht unwesentlicher Aspekt: um unnötige Behandlungen und damit auch Kosten zu vermeiden.

„Mit der Einrichtung dieses gemeinsamen Datenregisters haben die acht deutschen Giftinformationszentren einen wichtigen Schritt erreicht“, sagt der Leiter der Giftinformation Mainz und gleichzeitig Präsident der GfKT, Dr. Andreas Stürer, und ergänzt: „Die Falldatenbank versetzt uns in die Lage, erstmals einen nationalen Bericht über das Expositions- und Vergiftungsgeschehen in Deutschland zu erstellen.“

Seit wenigen Tagen sind mit 204.923 Fällen alle humanen Expositions- und Vergiftungsfälle des Jahres 2014 aller acht deutschen GIZ in der Datenbank der Fachgesellschaft erfasst. Dies entspricht einer Anzahl von 2,6 Vergiftungsfällen pro 1.000 Einwohner pro Jahr. Derzeit laufen noch interne Qualitätskontrollen, bevor die Daten als erster gemeinsamer Jahresbericht der deutschen GIZ veröffentlicht werden.

Die Vorteile der neuen Falldatenbank der GfKT liegen auf der Hand: Künftig lässt sich leicht erkennen, welche Gifte und gegebenenfalls Produkte zu bestimmten Vergiftungserscheinungen geführt haben. Auf Basis dessen kann die Produktsicherheit erhöht werden. Auch lässt sich schnell eine Aussage darüber treffen, welche Altersgruppen von Vergiftungen betroffen sind. Das wiederum ist potentiell eine Grundlage dafür, Präventionsmaßnahmen in den betreffenden Altersgruppen anzustoßen. Des Weiteren liefert die Datenbank Erkenntnisse über die Aufnahmerouten von Giften in den Körper. „Auch erlaubt uns die Datenbank aus der Kenntnis von großen Fallzahlen beispielsweise bei Medikamentenüberdosierungen Dosen festzustellen, die keine Schäden verursachen und damit keiner besonderen Behandlung bedürfen“, erklärt Dr. Stürer. Dies spare langfristig nicht unerhebliche Kosten im Gesundheitssystem.

„Die Falldatenbank wird uns sicherlich dabei behilflich sein können, Tendenzen im Expositions- und Vergiftungsgeschehen in Deutschland zu erkennen. Darauf aufbauend lassen sich Programme zur Vergiftungsprävention optimal planen“, betont Dr. Stürer und ergänzt: „Sinnvoll wäre zudem in einer zweiten Stufe eine Erweiterung des Datenspektrums um weitere Parameter.“ Dazu zählen laut Dr. Stürer beispielsweise Detailangaben zu den aufgenommenen Giften und exponierten Produkten wie Handelsnamen, Produktidentifikatoren und eine Klassifizierung in detailliertere Produktgruppen. Auch sollten Mengenangaben, zeitliche Verläufe, Symptome und Klassifizierung nach internationalen Schweregraden, diagnostische und therapeutische Maßnahmen, sowie der Ausgang eines Vergiftungsfalls dokumentiert werden. Diese Daten erfordern jedoch eine aufwändige Qualitätskontrolle in den Giftinformationszentren vor Übertragung in die gemeinsame Datenbank. „Das notwendige Personal hierfür steht in den GIZ derzeit leider noch nicht zur Verfügung“, weiß Dr. Stürer. „Aus diesen Daten ließen sich noch präzisere Angaben ableiten, um zukünftig noch mehr schwere und tödliche Vergiftungen zu vermeiden“, so der Leiter der Giftinformation Mainz. Auch ließe sich anhand umfangreicherer Daten eine optimale Risikobeurteilung vornehmen. Mit einer besseren Risikobeurteilung ließen sich wiederum Kostenersparnisse im Gesundheitssystem erzielen.

Darüber hinaus ist langfristig der Ausbau des Gesamtsystems zum Monitoring mit tagesaktuellem oder stundenaktuellem Datentransfer aus den GIZ in die gemeinsame Datenbank geplant, sofern eine Finanzierung sichergestellt ist. „Wir bekämen so ein Frühwarnsystem für Vergiftungserscheinungen in Deutschland. Damit ließen sich insbesondere gleichzeitige, an verschiedenen Orten in Deutschland auftretende versehentliche oder beabsichtigte Vergiftungen deutlich schneller erkennen als bei einer nur regionalen Datensammlung. Durch diese Früherkennung wäre ein rascheres Eingreifen und damit die Verminderung von schweren oder sogar tödlichen Vergiftungen möglich“, unterstreicht Dr. Stürer.

Die richtungsweisende Entscheidung, eine solche Falldatenbank zu etablieren, fiel mit dem 50sten Geburtstag der Giftinformation Mainz und dem 30-jährige Bestehen der GfKT zusammen, die letzte Woche an der Universitätsmedizin Mainz gefeiert wurden.

Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.300 Studierende der Medizin und Zahnmedizin werden in Mainz ausgebildet. Mit rund 7.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Universitätsmedizin zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de