Übersicht / Deutsche Gesellschaft für Kardiologie / Meldung vom 20.04.2017

Donnerstag, 20. April 2017, 15:06 Uhr

Deutsche Gesellschaft für Kardiologie

Pressemitteilung - Deutsche Gesellschaft für Kardiologie

Deutsche Gesellschaft für Kardiologie beleuchtet ihre Rolle im Nationalsozialismus
Forschungsarbeit bei der DGK-Jahrestagung als Buch präsentiert

Mannheim/Düsseldorf – Zum 90. Jahrestag ihrer Gründung setzt sich die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie intensiv mit ihrer Rolle und Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Auf der Jahrestagung in Mannheim wurden die Ergebnisse einer mehrjährigen medizinhistorischen Forschungsarbeit vorgestellt. Das Werk zeichnet ein differenziertes Sittenbild der Fachgesellschaft in der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 1927 als Deutsche Gesellschaft für Kreislauf-Forschung ins Leben gerufen, begeht 2017 den 90. Jahrestag ihrer Gründung. Zu diesem Anlass setzt sich die älteste und größte kardiologische Fachgesellschaft Europas auch intensiv mit der eigenen Vergangenheit auseinander.

Drei Jahre lang hat der Medizinhistoriker Dr. Timo Baumann im Rahmen eines von der DGK beauftragten und finanzierten Forschungsprojekts recherchiert und legt seine Erkenntnisse über „Die Deutsche Gesellschaft für Kreislaufforschung im Nationalsozialismus 1933-1945“ nun in Buchform vor. Präsentiert wurde das Werk am 20. April auf der Jahrestagung der DGK in Mannheim. Neben der akribischen Darstellung organisatorischer, personeller und wissenschaftlicher Entwicklungen wählte der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bewusst auch biografische Zugänge, um die Schicksale verfolgter und aus der Fachgesellschaft ausgeschlossener Mitglieder wie auch die NS-Verstrickungen etlicher Amts- und Preisträger aufzuarbeiten. „Die Untersuchung folgt methodisch dem Ansatz, eine medizinische Gesellschaft nicht als bloße Institution im organisatorischen oder juristischen Sinn zu verstehen, sondern als Netzwerk von Personen, die medizinisch-wissenschaftlich, beruflich und teils auch durch persönliche Beziehungen miteinander verbunden waren“, so Dr. Baumann.

„Das vorgelegte Buch wird den DGK-Mitgliedern und der Öffentlichkeit dazu dienen, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie auseinanderzusetzen“, erklärt DGK-Präsident Prof. Dr. Hugo A. Katus die Intention des Projekts.

Die erste Gelegenheit dazu bot ein Symposium, auf dem das 270 Seiten umfassende Werk nicht nur präsentiert und diskutiert wurde: Neben Studienautor Dr. Baumann und DGK-Präsident Prof. Katus kamen dabei auch einer seiner Vorgänger und Initiator des Forschungsprojekts, Prof. Dr. Georg Ertl, der Leiter des Historischen Archivs der DGK, Prof. Dr. Gunther Arnold, sowie der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zu Wort.

Ende der „Zurückhaltung“

„Die erste Nachkriegsgeneration, zu der ich gehöre, wuchs in dem Glauben auf, dass ihre Eltern von einer nationalsozialistischen Clique in einen Krieg und ein globales Verbrechen geführt wurden“, wies Prof. Dr. Georg Ertl auf die weit über die DGK hinausgehende historische Bedeutung des Projekts hin. Warum die Aufarbeitung erst jetzt, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, möglich wurde, erklärt er so: „Lange Zeit gab es auch innerhalb der DGK Zurückhaltung, noch lebende Akteure dieser Zeit zu belasten oder das Andenken Verstorbener gewissermaßen zu beflecken. In der nun sehr spät erfolgten Analyse konnte Dr. Baumann den Blickwinkel des Historikers einnehmen, unbelastet von Rücksichtnahmen – allerdings auch ohne die Möglichkeit, noch Zeitzeugen zu befragen.“

Dank zahlreicher Quellen ist es dem Historiker dennoch gelungen, ein differenziertes Sittenbild der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte zu zeichnen, das Biographien von Opfern wie Tätern gleichermaßen umfasst. So konnte er etwa anhand der systematisch erfassten Mitgliederbewegungen dokumentieren, dass nahezu alle Mitglieder aus verfolgten Bevölkerungsgruppen ab 1933 nach und nach aus der Gesellschaft verschwanden.

Absetzung und Vertreibung von DGK-Gründervater Kisch

Darunter auch einer der Gründerväter der Gesellschaft, Ordinarius Bruno Zacharias Kisch. Der als Sohn eines Rabbiners geborene Cousin des Journalisten Egon Erwin Kisch hatte die Funktion des ersten ständigen Schriftführers, eine Art Geschäftsführerposition, inne, bis er 1933 seines Amtes enthoben und als Herausgeber der Gesellschafts-Publikationen abgesetzt wurde. 1934 wurde dem Kardiologen infolge der rassistischen Gesetzgebung die Venia Legendi entzogen. Seine daraufhin eröffnete Praxis musste er nach dem Erlass eines generellen Berufsverbots für jüdische Ärzte bereits 1937 wieder schließen. Prof. Kisch gelang rechtzeitig die Emigration in die USA, etliche seiner Verwandten kamen aber in den Konzentrationslagern ums Leben.

Wie Dr. Baumanns umfangreiche Recherchen dokumentieren, ist Kischs Schicksal bei Weitem kein Einzelfall: Die Liste an Gesellschaftsmitgliedern, die vertrieben oder in Konzentrations- und Internierungslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden, ist bedrückend lang.

„Gelebter Widerstand selten“

Der Historiker ist bemüht, die Verstrickungen der Gesellschaftsmitglieder auf einer individuell-biografischen Ebene zu bewerten. In den meisten Fällen entsteht dabei das Bild des klassischen Mitläufers. „Echte rassistische Ausfälle im Sinne der NS-Ideologie waren in den gesichteten Schriftwechseln nicht zu finden“, so Dr. Baumann. „Ebenso selten ist aber eine oppositionelle Haltung oder Kritik erkennbar“. Gelebter Widerstand, wie etwa die Weigerung eines der Mitglieder, den Lehrstuhl eines aus rassischen Gründen vertriebenen Kollegen zu übernehmen, blieb demnach die seltene Ausnahme.

Breiten Raum widmet das Werk der Aufarbeitung unethischen oder gar verbrecherischen ärztlichen Handelns. „In medizinisch-wissenschaftlicher Hinsicht ist ein Trend zur individuellen Anpassung an das NS-Regime eindeutig feststellbar“, fasst Dr. Baumann zusammen. Während des Krieges arbeiteten nicht wenige Mitglieder an „kriegswichtigen“ Projekten, oft im Auftrag der Luftwaffe. Sichtbar wird diese hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit etwa an einer Besprechung im Jahr 1942, an der überproportional viele Mitglieder der Gesellschaft teilnahmen. Unter dem Titel „Seenot und Winternot“ wurden dort unter anderem auch extreme Zwangsversuche an Menschen zur Unterkühlung gerechtfertigt.

In Summe zeichnet das vorgelegte Werk ein differenziertes Bild individueller Verantwortung und Schuld sowie der Aufweichung ärztlicher Ethik unter einem menschenverachtenden Regime.

„In meiner Doppelfunktion als Internist und Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland begrüße ich es sehr, dass mehrere medizinische Fachgesellschaften in den vergangenen Jahren die unrühmliche Vergangenheit selbstkritisch aufgearbeitet haben. Es ist gut, dass auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie jetzt diesen Schritt getan hat“, so Dr. Josef Schuster. „Es hat eigentlich viel zu lange gedauert, bis sich die Fachgesellschaften mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Doch mit ihrer Bereitschaft, sich mit der Verstrickung in die NS-Verbrechen zu beschäftigen, haben sie einen wichtigen Kontrapunkt gesetzt. Nämlich einen Kontrapunkt zu jenen Kräften, die uns gerade einreden wollen, wir würden uns viel zu viel mit dem Nationalsozialismus befassen und sollten jetzt endlich stärker die ruhmreichen Zeiten der deutschen Vergangenheit ins Blickfeld rücken.“

Hinweis:
Ein Mitschnitt des Symposiums sowie Redemanuskripte werden unter www.kardiologie.org zur Verfügung gestellt werden.

Buchhinweis:
Timo Baumann, Die Deutsche Gesellschaft für Kreislaufforschung im Nationalsozialismus 1933-1945. Springer Verlag, 2017, 269 Seiten.

* Copyright der Bilder: DGK/Thomas Hauss