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Montag, 18. Dezember 2017, 11:53 Uhr

Hochschule Fresenius gem. GmbH

Themenspezial: Menschen mit Behinderungen

Pressemitteilung

„Merry Christmas“ in Gebärdensprache – und der Engländer versteht den Amerikaner nicht

Idstein – Der Vergleich internationaler Gebärdensprachen bringt erstaunliche Abweichungen von der gesprochenen Sprache hervor. Und Deutschland hinkt hinterher, wenn es um die Behandlung tauber Menschen geht. Brasilien zum Beispiel ist ein ganzes Stück weiter.

Gebärdensprach-Avatare auf Monitoren an Flughäfen. Die Möglichkeit, im ganzen Land in Gebärdensprache sein Abitur zu machen. Eine steigende Zahl nicht-gehörloser Menschen, die der Gebärdensprache mächtig sind: Das ist Alltag in Brasilien. „Das liegt am anderen Umgang mit tauben Menschen“, sagt Liona Paulus in Gebärdensprache. Sie ist selbst taub, unterrichtet an der Hochschule Fresenius im Masterstudiengang Gebärdensprachdolmetschen und vergleicht in ihrer Dissertation die Deutsche mit der Brasilianischen Gebärdensprache. „In Deutschland werde ich als ‚behindert‘ eingestuft, in Brasilien gehöre ich einer sprachlichen Minderheit an. Dieser Unterschied macht sich an vielen Stellen bemerkbar.“ Erstmals war Paulus vor 13 Jahren in Brasilien, sie leistete Freiwilligendienst in einer Gehörlosenschule. Diese Auszeit nach dem Abitur war wichtig für sie, in Deutschland konnte sie nicht in Gebärdensprache unterrichtet werden. „Die Schulzeit war aufgrund des permanenten Lippenlesens und zeitraubender Kompensationsstrategien bei der Informationsgewinnung sehr anstrengend.“

Die brasilianische Gebärdensprache Libras hat sie relativ schnell gelernt. Emotionale Ausdrücke und viele grammatikalische Formen sind denen in der Deutschen Gebärdensprache DGS ähnlich. Rund 200 Gebärdensprachen gibt es weltweit, 60 von ihnen sind erforscht und mehr oder weniger dokumentiert. Die nähere Begutachtung bringt Erstaunliches hervor: Ein tauber Amerikaner und ein tauber Brite verstehen sich unter Verwendung ihrer Gebärdensprachen gar nicht gut. Die American Sign Language (ASL) hat wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit der Französischen Gebärdensprache (LSF). Das liegt daran, dass die LSF im 18. Jahrhundert von Frankreich nach Amerika gekommen ist, die Britische Gebärdensprache aber eine lokale Sprache geblieben ist.

Eine vitale und oft spontan entstehende Kommunikationsform ist die „International Sign“, ähnlich einer Pidgin-Sprache. Hier ist Voraussetzung, dass die Gesprächspartner keine gemeinsame Gebärdensprache haben. Sie wird bei allen möglichen Gelegenheiten verwendet und weiterentwickelt, bei internationalen Konferenzen, den Deaflympics – Sommer- und Winterspiele für taube Menschen - , Kunst- oder Theaterfestivals von und für Gebärdensprachler. Das Ergebnis ist verblüffend: Ein tauber Deutscher ist in der Lage, sich binnen weniger Stunden oder Tage mit einem tauben Chinesen nicht nur zu verständigen, sondern sogar zu komplexen Themen wie Politik, Gefühlen und Humor auszutauschen – unter Sprechenden undenkbar. „Das ist auch ein Grund dafür, warum taube Menschen sehr reisefreudig sind und unterwegs schnell Anschluss finden“, berichtet Paulus.

In der Bundesrepublik sind Menschen, die die Gebärdensprache beherrschen und dolmetschen können, stark nachgefragt: „Auf 200.000 Nutzer der deutschen Gebärdensprache kommen nur 850 Dolmetscher“, so Paulus. „Wer zusätzlich noch der ASL, BSL, LSF oder International Sign mächtig ist, erhöht seine Karrierechancen, das wiederum ist genauso wie bei der gesprochenen Sprache.“

Ein ausführliches Interview mit Liona Paulus zum Thema internationale Gebärdensprachen ist auf dem Wissenschaftsblog adhibeo.de veröffentlicht, unter bit.ly/2jcuvTk .

Über die Hochschule Fresenius
Die Hochschule Fresenius mit ihren Standorten in Frankfurt am Main, Hamburg, Idstein, Köln, München und den Studienzentren in Berlin, Düsseldorf und New York ist mit über 12.000 Studierenden die größte private Präsenzhochschule in Deutschland. Sie blickt auf eine bald170- jährige Tradition zurück. 1848 gründete Carl Remigius Fresenius in Wiesbaden das „Chemische Laboratorium Fresenius“, das sich von Beginn an sowohl der Laborpraxis als auch der Ausbildung widmete. Seit 1971 ist die Hochschule staatlich anerkannt. Sie verfügt über ein sehr breites, vielfältiges Fächerangebot und bietet in den Fachbereichen Chemie & Biologie, Design, Gesundheit & Soziales, onlineplus sowie Wirtschaft & Medien Bachelor- und Masterprogramme in Vollzeit sowie berufsbegleitende und ausbildungsbegleitende (duale) Studiengänge an. Die Hochschule Fresenius ist vom Wissenschaftsrat institutionell akkreditiert. Bei der Erstakkreditierung 2010 wurde insbesondere ihr „breites und innovatives Angebot an Bachelor- und Master-Studiengängen“, „ihre Internationalität“ sowie ihr „überzeugend gestalteter Praxisbezug“ vom Wissenschaftsrat gewürdigt.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Website: www.hs-fresenius.de