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Sonntag, 24. Juli 2016, 08:27 Uhr

Deutsche DepressionsLiga e.V.

Attentate, Amokläufe und deren Zusammenhang zu psychischen Erkrankungen

Aktuelle Berichterstattung der Medien zu den psychischen Hintergründen bei Terrorattentätern konstruiert oft falsche Zusammenhänge

Schwaikheim – Die Deutsche DepressionsLiga fordert mehr Zurückhaltung und Differenzierung in der Berichterstattung bei der Formulierung psychischer Hintergründe bei terroristischen Gewalttätern und Amokläufern

Die in der letzten Zeit vor allem in Europa zunehmenden Terroranschläge sowie Amokattentate und die in dieser extremen Form bislang nicht erfahrene Brutalität der Täter werfen naturgemäß die Frage nach deren psychischer Verfassung auf. So wird in den Berichterstattungen der Medien sehr schnell die Erklärung „psychisch krank“ angeboten, obwohl hierzu meist die diagnostische Informationsgrundlage fehlt. Angesichts des für den gesunden Menschenverstand nur schwer nachvollziehbaren Verhaltens mancher Straftäter könnte man die Frage stellen, ob es sich hier um zumindest mitbeteiligte psychische Ursachen handelt. Eine derartige Aussage lässt sich jedoch anhand der in der Regel geringen vorliegenden Informationen nicht rechtfertigen. Stattdessen wird durch eine vorschnelle und undifferenzierte Zuordnung von Gewalt und psychischer Krankheit in der Bevölkerung ein falsches Bild forciert, das die bereits bestehende Stigmatisierung psychisch kranker Menschen zu Unrecht aufrecht erhält und sogar noch steigert. Der Anteil der Patienten, von denen tatsächlich eine Gefahr für Außenstehende ausgeht, ist im Vergleich zur Gesamtpopulation äußerst gering.
In einem Bericht auf tagesschau.de über den Attentäter von Nizza wird bereits in der Überschrift „Gewaltbereit, depressiv, still“ ein Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Depressivität suggeriert. Hierbei wird auf die Beschreibungen der Persönlichkeit des Täters durch Bekannte Bezug genommen, die keinerlei diagnostische Referenz für derartige Aussagen bieten. Die leichtfertige Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen Depression und Gewalt kulminiert schließlich in diesem Artikel in der Behauptung, dass „eine starke depressive Störung so eine Handlung möglich machen könne“. Durch diese Behauptung wird ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen einer depressiven Störung und der durch sie angeblich ermöglichten abscheulichen Gewalttat konstruiert.
Die Deutsche DepressionsLiga weist mit aller Entschiedenheit darauf hin, dass diese Aussage höchst spekulativ und fachlich nicht haltbar ist. Ob der Täter psychisch gestört war oder nicht, weiß derzeit niemand mit Sicherheit. Eine laienhafte Beschreibung seiner Persönlichkeit durch Bekannte reicht dafür bei Weitem nicht aus.
Die hier vorgenommene Zuordnung zu einer Depression ist fachlich nicht zu rechtfertigen und überdies in ihrer stigmatisierenden Wirkung für den Personenkreis der tatsächlich an Depression Erkrankten als fahrlässig anzusehen. Es ist nicht das Typische einer Depression, nach außen gewalttätig aufzutreten, Aggression richtet sich bei diesem Krankheitsbild eher nach innen. Durch eine derartige undifferenzierte Berichterstattung wird eine ganze Patientengruppe zu Unrecht verunglimpft, die in Deutschland immerhin ca. vier Millionen Menschen umfasst.
Der Versuch der Erklärung solcher Taten durch eine psychische Erkrankung sollte daher, wenn denn überhaupt, auf Störungen fokussieren, die als Erklärung viel wahrscheinlicher wären, als ausgerechnet die Depression, die in der letzten Zeit immer häufiger als Synonym für eine psychische Störung per se herhalten muss. Eine hinsichtlich der zahlreichen unterschiedlichen psychischen Störungen differenzierende Berichterstattung trüge dazu bei, die verbreiteten Vorurteile in unserer aufgeklärten Gesellschaft gegenüber Menschen mit psychischen Problemen ein Stück zu minimieren und überdies auch zur aktuell vielfach beschworenen Integration vor allem derer, die bereits seit langem Teil dieser Gesellschaft sind.


23. Juli 2016