Das Mikrobiom zählt zu den dynamischsten Forschungsfeldern, fast jede fünfte der derzeit über 4 600 registrierten klinischen Studien zu diesem Thema untersucht Zusammenhänge mit der Ernährung. Beim 63. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in Kooperation mit der Technischen Universität München standen Fragen, wie Ernährung und Mikrobiom gemeinsam zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen können, im Fokus. Unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Haller, Prof. Dr. Martin Klingenspor und Prof. Dr. Katharina Timper diskutierten knapp 800 Wissenschaftler*innen, Nachwuchsforscher*innen und Ernährungsfachkräfte vom 4.-6. März 2026 in Kassel aktuelle Erkenntnisse zur Rolle des Mikrobioms bei der Entstehung chronischer Erkrankungen. „Wir stehen an einem Punkt, an dem wir zahlreiche Assoziationen zwischen Ernährung, Mikrobiom und Gesundheit kennen, die entscheidende Frage nach der Kausalität jedoch noch offen ist“, sagte Prof. Dr. Dirk Haller.
Das 2 ½-tägige Kongressprogramm bot insgesamt über 200 Vorträge und Poster zu aktuellen Forschungsergebnissen, Symposien der DGE-Fachgruppen und Arbeitsgruppen sowie aus den Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften und angrenzenden Disziplinen. Die Symposien widmeten sich aktuellen Themen wie „Füttern wir unser Mikrobiom oder füttert es uns?“, KI in Public Health Nutrition und Gemeinschaftsverpflegung oder die evidenzbasierte Betrachtung von pflanzlichen Alternativprodukten. Die Fachgruppe Early Career Scientists präsentierte ihren 7. Science Slam. Die beiden Plenarvorträge verdeutlichten, wie eng Mikrobiom und Ernährung miteinander verknüpft sind, welche Rolle diese Wechselwirkungen bei chronischen Erkrankungen spielen und welches Potenzial sie für Diagnostik und Therapie in der Zukunft haben. In der abschließenden Diskussionsrunde beleuchteten Expert*innen die Fragestellung, was ein gesundes Mikrobiom ausmacht und was wir nach aktuellem Forschungsstand dafür tun können.
Das Darmmikrobiom zwischen Genetik und Umwelt
In seinem Vortrag „Intrinsic and extrinsic factors influencing the gut microbiome“ widmete sich Prof. Dr. Rinse Weersma vom University Medical Center Groningen in den Niederlanden der Frage, welche Faktoren die Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms prägen, und erläuterte ihre Bedeutung für Gesundheit und Krankheit. Im Mittelpunkt stehen sowohl intrinsische Faktoren wie die genetische Ausstattung des Menschen als auch extrinsische, also Einflüsse wie Ernährungsgewohnheiten und häufig eingesetzte Medikamente, darunter Antibiotika, Protonenpumpenhemmer oder Metformin. Anhand von Daten des Lifelines Dutch Microbiome Project stellte Weersma bevölkerungsbasierte Erkenntnisse zur interindividuellen Variabilität des Mikrobioms vor. Darüber hinaus beleuchtete er Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Stoffwechselerkrankungen, chronisch entzündlichen Darmer-krankungen und Krebserkrankungen. Weersma betonte das Potenzial des Mikrobioms als Biomarker in der klinischen Praxis und zeigt Perspektiven für zukünftige diagnostische und therapeutische Anwendungen auf.
Das Mikrobiom als Schlüssel zur Prävention
Chronische nichtübertragbare Erkrankungen nehmen in industrialisierten Ländern weiter zu – maßgeblich beeinflusst durch westliche Ernährungsgewohnheiten und damit verbundene Veränderungen im Darmmikrobiom. Untersuchungen an verschiedenen Tiermodellen legen nahe, dass durch die Industrialisierung veränderte Ernährungsweisen und ihre Auswirkungen auf das Mikrobiom möglicherweise die Entstehung solcher Krankheiten begünstigen. Prof. Dr. Jens Walter vom University College Cork in Irland beleuchtete in seinem Vortrag „Rethinking nutrition through the lens of the gut microbiome“, was gesunde Ernährung aus mikrobiomwissenschaftlicher Sicht bedeutet, und stellte die Wechselwirkungen zwischen Wirt und Mikroben als zentrale Vermittler der physiologischen Effekte von Ernährung in den Mittelpunkt. Zudem präsentierte er die Ergebnisse einer aktuellen Humanstudie mit einer Diät, die sich an traditionellen Ernährungsgewohnheiten mit wenig verarbeiteten Lebensmitteln orientiert. Das Ernährungsmuster konnte gestörte Mikrobiomfunktionen verbessern, krankheitsrelevante Stoffwechselprodukte positiv beeinflussen und signifikante kardiometabolische Verbesserungen erzielen. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial, mikrobiombasierte Erkenntnisse systematisch in zukünftige Ernährungsempfehlungen zu integrieren und innovative Präventionsstrategien gegen chronische Erkrankungen zu entwickeln.
Was macht ein gesundes Mikrobiom aus und wie erreichen wir das?
Facts and science fiction – hierzu diskutierte Prof. Dr. Dirk Haller abschließend mit Expert*innen unter anderem die Fragen: Welche Evidenz gibt es dafür, das Mikrobiom mit Ernährung und beispielsweise fermentierten Lebensmitteln und Ballaststoffen positiv zu beeinflussen? Ist das Mikrobiom ein realistisches Ziel für die Diagnose und Therapie von Erkrankungen und wenn ja, für welche? Gibt es Biomarker für ein funktionierendes Mikrobiom und sind Stuhlanalysen sinnvoll? Die Teilnehmer*innen der Runde waren Prof. Dr. Gabriele Berg, Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V., Potsdam, Prof. Dr. Maria Vehreschild, Universitätsmedizin Frankfurt am Main, Prof. Dr. Romana Gerner, Technische Universität München, Prof. Dr. Katharina Timper, Technische Universität München und Prof. Dr. Jens Walter, University College Cork, Irland.
