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Donnerstag, 29. November 2018, 12:27 Uhr

Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen e.V.

Presseinformation

„Bereitschaft zur Inklusion kann nicht verordnet werden“
Parlamentarischer Abend der Lebenshilfe NRW widmete sich dem ehrenamtlichen Engagement von und für Menschen mit Behinderung.

Düsseldorf – Zum vierten Mal richtete die Lebenshilfe NRW ihren Parlamentarischen Abend im Landtag NRW aus. Er stand diesmal unter dem Motto „Ehrenamt gestaltet Inklusion“. Für den neuen Landesvorsitzenden der Lebenshilfe NRW, Prof. Dr. Gerd Ascheid, war es der erste öffentliche Auftritt.

„Die Bereitschaft zur Inklusion kann nicht verordnet werden, Inklusionsbereitschaft entsteht durch Begegnung, was ein Mensch nicht kennt, macht ihn vorsichtig und skeptisch. Bisher haben die meisten Menschen wenig Kontakte zu Menschen mit geistiger Behinderung“, sagte Ascheid. „Die ersten Orte der Begegnung im Leben eines Menschen sind Kindergarten und Schulen, hier führen die geschaffenen Veränderungen hin zur Inklusion zu Begegnung. Aber was kommt danach?“, fragte er. Gerade im Bereich der Arbeit müsse hier noch viel aufgeholt werden, was die die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt betrifft.

„Die große langfristige Aufgabe für die Inklusion ist nicht nur Menschen mit Behinderung beim inklusiven Zugang zur Gesellschaft zu unterstützen, sondern insbesondere auch die Gesellschaft bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung zu unterstützen, ihr zeigen, dass Inklusion ein großer Gewinn für alle ist. Für diese Aufgaben brauchen wir Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Genau wie die Inklusion in beide Richtungen gehen muss, ist auch das Ehrenamt keine Einbahnstraße“, erklärte Ascheid.

Musikalisch sorgte Cellistin Katarina Reichelt, sie hat das Down Syndrom, erneut für große Begeisterung. „Sie haben vor zwei Jahren schon einen bleibenden Eindruck im Landtag hinterlassen und waren tagelang Gesprächsthema im Haus. Sie sind immer ein herzlich willkommener Gast im Landtag NRW“, sagte die stellvertretende Landtagspräsidentin Carina Gödecke bei Ihrer Begrüßungsrede, in der sie ebenfalls die große Bedeutung des Ehrenamtes betonte.

Dies wurde bei der anschließenden Gesprächsrunde, die von Lebenshilfe NRW Botschafterin Claudia Kleinert modereiert wurde, ebenfalls deutlich. Das mit dem MitmenschPreis ausgezeichnete Projekt „Ehrenamt Rückwärts“ der Lebenshilfe Kreis Viersen zeigt, auch Menschen die aufgrund ihrer speziellen Form der geistigen Behinderung nicht in die Werkstatt gehen können, leisten einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft, indem Sie für die Tafel im niederrheinischen Willich Lebensmittel zu den Menschen bringen, die nicht in der Lage sind, zu den Verteilstellen zu gehen. „Dieses Engagement hat unsere Klienten verändert“, sagt Esther Mand von der Lebenshilfe Kreis Viersen, „es hat sie mental zugänglicher und damit therapierbar gemacht. Sie müssen zum Beispiel keine Psychopharmaka mehr nehmen, ein toller Erfolg der Arbeit.“

Auf ein anderes Problem, dass durch ehrenamtliche Arbeit aufgefangen wird, wies Eva Lux, MdL und Vorsitzende der Lebenshilfe Leverkusen, hin. Noch immer ist die Aufnahme und Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung in Krankenhäusern etwas, was nur mangelhaft geregelt ist. Ohne ehrenamtliches Engagement von Angehörigen wäre dies kaum zu schaffen. „Menschen mit geistiger Behinderung benötigen gerade hier ihnen vertraute Personen, die auch als Dolmetscher auftreten, dass wir uns hier ehrenamtlich als Arbeitskreis engagieren zeigt, dass im System der Assistenz ein Problem besteht“, erklärte Lux. Sie forderte die Politik auf, die Finanzierung von hauptamtlichen Kräften bei der Begleitung behinderter Menschen freizugeben und Gesetzte zu verändern. Denn nicht immer können Angehörige die Assistenz von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus, schon aus beruflichen Gründen übernehmen. „Es darf aber auch nicht vom ehrenamtlichen Engagement einzelner abhängig sein“, so Lux.

Rainer Lettkamp, Geschäftsführer der Lebenshilfe Oberhausen, betonte, es sei wichtig, dass ehrenamtliche Arbeit Begegnungen schaffen kann, welche letztlich allen Seiten helfe. „Dies gelinge bei monatlichen Repair-Café der Lebenshilfe Oberhausen vorzüglich. Da backen unsere Menschen mit Behinderung Kuchen für die Leute, die zu uns kommen, um ihre kleinen Elektrogeräte von unseren Ehrenamtlern reparieren zu lassen. Beim Warten kommt man miteinander ins Gespräch, es entsteht Begegnung und am Ende geht der ‚Kunde‘ zufrieden nach Hause, weil sein Gerät wieder funktioniert. Durch das Repair-Café sind für uns schon neue Mitglieder, Spenden oder nützliche Kontakte gewonnen worden“, sagte Lettkamp stolz.

Anschließend tauschten sich die Vertreter der Lebenshilfen aus NRW mit den anwesenden Landtagsabgeordneten noch bis spät in den Abend aus.


Die 76 nordrhein-westfälischen Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe mit rund 21.000 Mitgliedern sind Träger oder Mitträger von zahlreichen Diensten, Einrichtungen und Angeboten für Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Sie alle sind Mitglieder im nordrhein-westfälischen Landesverband, des Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen e.V. In Frühförderstellen, (meist integrativ) Kindergärten und Krippen, Schulen und Tagesförderstätten, Werkstätten, Fortbildungs- und Beratungsstellen, Sport-, Spiel- und Freizeitprojekten, Wohnstätten und Wohngruppen sowie Familienentlastenden Diensten werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene gefördert, betreut und begleitet.

Hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen der Lebenshilfe sind mit diesen Aufgaben betraut. Angehörige von Menschen mit Behinderung können sich in Elterngruppen austauschen, behinderte Menschen selbst arbeiten immer stärker in den Vorständen und anderen Gremien der Lebenshilfe mit. Die 76 nordrhein-westfälischen Lebenshilfen sind in der Beratung, Fortbildung und Konzeptentwicklung tätig und vertreten die Interessen behinderter Menschen und ihrer Familien gegenüber den Ländern bzw. der Bundespolitik.