Übersicht / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Meldung vom 10.07.2007

Dienstag, 10. Juli 2007, 15:59 Uhr

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Gemeinsame Pressemitteilung von BMFSFJ, BZgA und DJI:

Bundesministerin Ursula von der Leyen: "Wirksamer Kinderschutz muss früh ansetzen"

Köln – Nationales Zentrum Frühe Hilfen verzahnt Systeme von Gesundheitswesen und Jugendhilfe

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat heute in Berlin den Startschuss für das neue Nationale Zentrum Frühe Hilfen gegeben. Mit Professorin Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), und Professor Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), deren Organisationen gemeinsam Träger der vom Bund geförderten Einrichtung sind, stellte sie Ziele und Strukturen des Nationalen Zentrums vor. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen mit Sitz in Köln soll deutschlandweit mit Expertenwissen lokale und regionale Netzwerke beraten und unterstützen, die das Risiko von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung minimieren wollen, indem sie Angebote des Gesundheitswesens mit denen der Kinder- und Jugendhilfe eng miteinander verzahnen. "Hinter jedem Fall von Verwahrlosung und Misshandlung steht die Leidensgeschichte eines Kindes. Wir müssen Hilfen früher und besser aufeinander abstimmen, damit der Teufelskreis von Isolation und Gewalt innerhalb einer Familie gar nicht erst entsteht. Wenn die Geburtshelfer, Hebammen, Kinderärzte oder die Jugendhilfe die einzigen Anlaufstellen sind, bei denen gefährdete Kinder kurzfristig wahrgenommen werden, dann müssen wir diese beiden Systeme zum Schutz der Kinder verknüpfen und stark machen. Das von Bundesfamilienministerium eingerichtete Nationale Zentrum Frühe Hilfen soll die Systemgrenzen zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe überwinden durch Fehleranalysen und Forschung. Es soll deutschlandweit und international Fachwissen bündeln und dieses in den Kommunen systematisch verbreiten", sagt Ursula von der Leyen.

"Die Angebote des Gesundheitswesens bieten einen guten Zugang zu Eltern und ihren Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Situation schon in der Zeit von Schwangerschaft und Geburt" betont Professorin Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Ärztinnen/Ärzte und Hebammen sind oft die ersten, die besondere Belastungen und Schwierigkeiten erkennen und ein hohes Maß an Vertrauen genießen. Deshalb sind sie geeignete Vermittler zu den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe".

"Die Kinder- und Jugendhilfe bietet eine Fülle von effektiven Hilfen für Familien: von der Prävention durch Elternbildung bis hin zur intensiven sozialpädagogischen Begleitung von Familien in Krisensituationen", sagt Professor Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts. "Damit diese Hilfen bei Eltern und Kindern frühstmöglich ankommen und auf diese individuell und passgenau abgestimmt werden können, ist ein koordiniertes Vorgehen der unterschiedlichen Akteure aus den beiden Leistungssystemen unabdingbar."

Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen ist ein Kristallisationspunkt im Bundesprogramm "Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme", für das das Bundesfamilienministerium bis zum Jahr 2010 rund 10 Millionen Euro aufwendet. Im Mittelpunkt stehen Familien mit Kindern bis zu drei Jahren, deren Lebensalltag durch soziale oder persönliche Probleme wie etwa, eigene Gewalterfahrungen, Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit oder das Fehlen eines unterstützenden Umfeldes schwer belastet ist. Werden Risiken früh erkannt, können rechtzeitige Hilfeangebote für überforderte Eltern der Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern wirksam vorbeugen.

Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen sorgt für den Austausch und bündelt die Erfahrungen der wachsenden Zahl von Modellprojekten in sämtlichen Bundesländern, die mit einer Mitfinanzierung vom Bund in enger Abstimmung den Ländern und Kommunen in ganz Deutschland auf den Weg gebracht wurden oder es bis Jahresende noch werden. Die Programme verfolgen bewusst unterschiedliche Ansätze. Sie sollen Impulse für Nachahmer setzen und das Erfahrungswissen über regionale und lokale Hilfsnetze mehren .Auf dieser Wissens- und Erfahrungsbasis unterstützt das Nationale Zentrum Frühe Hilfen in ganz Deutschland das Entstehen lokaler und regionaler Netzwerke. Sie verknüpfen Hilfen des Gesundheitswesens wie etwa Gynäkologie, Schwangerschaftsberatungsstellen, Hebammen, Geburtskliniken, Kinderkliniken, Kinderheilkunde mit den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe wie beispielsweise Jugendämter, soziale Dienste, Beratungsstellen, Familienbildungsstätten, Kindertageseinrichtungen.Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen schafft damit eine breite Informationsplattform für Wissenschaft und Praxis, die nicht nur in Deutschland oder international bewährte Instrumente zur Risikoerkennung und erfolgreiche Konzepte für Zielgruppen mit hohen Risiken sammelt, evaluiert und den Verantwortlichen in den Ländern und Kommunen zur Verfügung stellt. Es trägt so dazu bei, die Qualität der Systeme zum Kinderschutz in Deutschland Schritt für Schritt und nachhaltig zu verbessern.Das Ausmaß von Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung und Misshandlung lässt sich nur näherungsweise abschätzen, weil das Dunkelfeld groß ist. Anhaltspunkte liefern folgende Zahlen: Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 5-10 Prozent aller Kinder im Alter bis sechs Jahre vernachlässigt werden (Esser & Weinel 1990; Schone et. al. 1997; Motzkau 2002).Die Anzeigen bei Vernachlässigung und Misshandlung haben sich seit 1990 beinahe verdreifacht (Kinder bis sechs Jahre: 1990: 600, 2005: 1445; Kinder bis 14 Jahre: 1990: 1377, 2005: 3377; Polizeiliche Kriminalstatistik). Die Zahl der Fälle, in denen die Jugendämter gefährdete Kinder zu ihrem eigenen Schutz in Obhut nehmen mussten, stieg von 1995 bis 2005 um 40 Prozent (Statistisches Bundesamt). Im Jahr 2005 bewilligten die Jugendbehörden rund 40.000 überforderten Eltern mit Kindern unter sechs Jahren "Familienunterstützende Maßnahmen" (KOMDAT Jugendhilfe). Bei Kindern unter drei Jahren muss das Familiengericht jedes Jahr in etwa 2200 Fällen das elterliche Sorgerecht entziehen (Münder et. al. 2000).Das Bundesfamilienministerium trägt mit zahlreichen weiteren Initiativen und Modellprojekten zur Förderung der elterlichen Erziehungskompetenz und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen bei. Etwa auf dem Gebiet der Elternbildung, der Förderung der Medienkompetenz oder mit der Weiterentwicklung von Erziehungshilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII), auf die alle Eltern, die Hilfe benötigen, einen Rechtsanspruch haben. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:

http://www.bmfsfj.de http://www.fruehehilfen.de http://www.schwanger-info.de http://www.kindergesundheit-info.de http://www.dji.de

Dies ist eine Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Deutschen Jugendinstituts (DJI) vom 10.07.2007.