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Gesundheitspolitik gefährdet Kindermedizin

offener Brief

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Merz

Die Gesundheitspolitik unter Ihrer Regierungsverantwortung hat sich im Vergleich zu Ihrem Amtsvorgänger bisher in keinem wesentlichen Punkt positiv verändert. Die Kosten steigen weiterhin, während die Unzufriedenheit von Patientinnen und Patienten, von Pflegenden, medizinischen Assistenz berufen und der Ärzteschaft zunimmt. Als Kindermediziner macht es mich besonders betroffen, wenn Reformunwille und orientierungslose Hyperaktivität nachweislich auf Kosten von Kindern und deren Familien das gesundheitspolitische Geschehen dominieren. Hierzu zwei eklatante Beispiele, die eine sofortigen Rücknahme erfordern, um weiteren Schaden abzuwenden:

1.Krankenhausreform: Ursprünglich waren die Spezielle Kinderchirurgie und Spezielle Kinderheilkunde als eigenständige Leistungsgruppen vorgesehen. Aus fachlich nicht nachvollziehbaren Gründen wurde dieser Passus gestrichen, so dass Kinder mit komplexen pädiatrischen und/oder kinderchirurgischen Erkrankungen weiterhin nicht ausschließlich in dafür geeigneten spezialisierten Kliniken und Abteilungen behandelt werden. Diese Fehlentscheidung kann m.E. nur das Ergebnis massiver, den Bedürfnissen von Kindern und Eltern zuwiderlaufender Interventionen und ökonomischer Interessen Dritter sein.

Ich darf Ihnen am Beispiel der Neugeborenen- Sepsis ein konkretes lebensbedrohliches Krankheitsbild benennen, das die Bedeutung von Spezialisierung in der Kindermedizin einmal mehr unterstreicht und den Nachholbedarf in Deutschland verdeutlicht. So versterben hierzulande im Vergleich zu Norwegen doppelt so viele Säuglinge an einer Sepsis. Aus diesem Grund setze ich mich auch für das von der Sepsis Stiftung ausgearbeitetes Projekt Kids Mum ein, dessen Förderung soeben vom Bundesgesundheitsministerium abgelehnt wurde. Anscheinend scheint die Population von Neugeborenen gesundheitspolitisch nicht interessant genug zu sein, um als förderwürdig eingestuft zu werden,  und der WHO-Slogan zum Welttag der Patientensicherheit 2025 bereits in Vergessenheit geraten zu sein. Dieser lautete nämlich „Sichere Versorgung für jedes Neugeborene und jedes Kind.“

2.Hybrid – DRG:  Vom Inkrafttreten und von der gerade erst begonnenen Umsetzung dieses für die Ambulantisierung von bisher ungerechtfertigt und deshalb vermeidbar stationär erbrachten Operationen und Interventionen unverzichtbaren Paragrafen 115f im SGB V war auch das Fachgebiet Kinderchirurgie maßgeblich im positiven Sinn betroffen. Es bedarf keiner großen medizinischen Vorkenntnisse, um zu realisierten, dass Kinder nach einem Eingriff die weitere Genesungsphase in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung verbringen möchten. Dies trifft selbstredend nur für unkomplizierte Operationen und bei dafür geeignetem familiärem Umfeld zu. Auch können Eltern eine ambulante Behandlung ihres Kindes besser mit ihren beruflichen Verpflichtungen und der Betreuung von Geschwisterkindern vereinbaren. Trotz dieser Erkenntnislage werden Kinder wie auch Menschen mit Behinderung seit dem 1.1.2026 vorsätzliche und gegen besseres Expertenwissen ausgeschlossen. Immer wenn transparente Argumente fehlen, ist der Verdacht auf Willkür nicht unberechtigt. Viele mir namentlich bekannte ambulant operierende kinderchirurgische Kolleginnen und Kollegen haben ihre OP-Kapazitäten den Erfordernissen des § 115 f angepasst und finden sich ab Jahresbeginn 2026 im seit 1996 unterfinanzierten EBM wieder.

Fazit: Allein die genannten Negativbeispiele aus der Kindermedizin schaffen das Gegenteil von Vertrauen in unser Gesundheitssystem und in die dafür maßgeblich verantwortliche Gesundheitspolitik. Beides müsste schon seit vielen Jahren zur Chefsache der jeweils amtierenden Bundeskanzler:innen geworden sein. Dass ich mich heute in dieser dringlichen Angelegenheit an Sie persönlich wende, ist zum einen dieser Tatsache geschuldet sowie Ihrer „Tour de Merz“, wie die SZ in ihrer Ausgabe vom 10./11. Januar Ihre Reise durch fünf Bundesländer betitelt hat. Am Anfang dieses SZ-Beitrages sind Sie bei Ihrem Besuch eines Kindergartens in Brandenburg zusammen mit dem dazugehörigen Ministerpräsidenten großformatig abgebildet. Ich möchte meine zweitgeteilte Meinung in Bezug auf die fotogene Kombination Politiker und Kinder nicht verhehlen. Einerseits ist es nur zu begrüßen, wenn Politiker:innen sich für Kinder und deren Lebenswelt interessieren. Anderseits ist es alles andere als begrüßenswert, wenn derartige Zusammentreffen im Vorfeld von Wahlen stattfinden und Fotos und Begleittext nur Teil einer Imagekampagne sind und im Anschluss kinder- und familienorientiertes politisches Handeln konsequent ausbleibt.

Dabei wäre es an der Zeit, die Negativliste an kinder- und familienunfreundlichen Tatbeständen endlich abzuarbeiten. Immer noch fehlen im Gegensatz zum Tierschutz Kinderrechte als Einzelnorm im Grundgesetz, und somit die Verankerung der UN-Kinderrechtskonvention im Grundgesetz. Diese Konvention, der auch die Bundesrepublik Deutschland beigetreten ist, sichert Kindern das Recht auf eine ihrem Alter und ihren Bedürfnissen entsprechende medizinische Behandlung zu. Kindern seit nun drei Jahren fortgesetzt ambulante HNO-Eingriffe aus honorarpolitischen Gründen zu verwehren unter billigender Inkaufnahme von Spätfolgen (Gehör, Sprachenentwicklung) stellt bereits einen eklatanten Verstoß gegen die UN-Kinderechtskonvention dar, der allerdings trotz medialer Aufmerksamkeit und verschiedener Initiativen von den politisch Mitverantwortlichen weiter für gutgeheißen und bisher ohne jegliche Sanktionen und  Gegenmaßnahmen nicht nur weiter fortgeführt wird, sondern um die o.g. Punkte 1.) und 2.) erweitert wird.

Das Thema Grundsicherung von Kindern möchte ich in diesem Kontext nur der Vollständigkeit halber erwähnt haben, denn sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil des sozioökonomischen Aspektes von Kindergesundheit und einer sozial gerechten Familienpolitik. Sie sind herzliche eingeladen, einmal einen halben Tag eine kindermedizinische Einrichtung zu begleiten, um sich einen authentischen Einblick in den Alltag von Kindern und Familien zu verschaffen.

Als Beleg dafür, dass Kindermediziner:innen  aus verschiedenen Fachrichtungen und Subspezialisierungen sich über ihre tägliche fachärztliche Arbeit hinaus für eine bestmögliche und sichere kindergerechte Versorgung engagieren, darf ich Ihnen neben dem besagten Kids Mum – Projekt der Sepsis Stiftung eine von mir mitinitiierte Handlungsempfehlung sowie Elterninformationsbroschüre zum Thema „Sichere ambulante Kindernarkosen“ übersenden.

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Merz, machen Sie bitte von Ihrer Richtlinienkompetenz Gebrauch und leiten Sie bitte die umgehende Rücknahme der genannten Fehlentscheidungen ein. Damit wäre Ihnen ein perfekter Auftakt zu Ihrer 5 Länder – Deutschlandtour sicher. 

Mit freundlichen Grüßen
Ihr C.Deindl  
Dr. med. Christian Deindl
Präsident Bundesverband
Ambulantes Operieren (BAO e.V.)
Stellvertretender Vorsitzender
Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS e.V.)
Facharzt für Kinderchirurgie
und Chirurgie, MBA