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Hilfsmittelhersteller warnen vor den Folgen geplanter Einsparungen

eurocom-Mitgliederbefragung 2026

BerlinDie von der Bundesregierung geplanten Einsparmaßnahmen bei Hilfsmitteln gefährden aus Sicht der eurocom eine verlässliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten. Besonders kritisch bewertet die Herstellervereinigung den vorgesehenen pauschalen Drei-Prozent-Abschlag auf alle Versorgungsverträge. Denn bereits heute setzen steigende Kosten und gleichzeitig starre Abgabepreise die Unternehmen unter Druck. Die Folgen sind spürbar: Die Standortstabilität leidet, die Wirtschaftlichkeit der Hilfsmittelproduktion sinkt und Investitionen werden zurückgestellt. Das gilt insbesondere für innovative und neuartige Hilfsmittel „Made in Germany“. Nach Einschätzung der Hersteller gefährdet diese Entwicklung sowohl die Innovationskraft der Branche als auch die langfristige Versorgungssicherheit in Deutschland. Das zeigen die Ergebnisse der jährlichen Mitgliederbefragung der eurocom, die im April/Mai 2026 durchgeführt wurde.

94 Prozent der Mitgliedsunternehmen haben daran teilgenommen und ihre Einschätzung zur Lage des Hilfsmittelstandortes und -marktes Deutschland abgegeben. eurocom-Geschäftsführerin Oda Hagemeier fordert: „Es gilt, die Zukunftsfähigkeit von Standort und Markt zu sichern. Wir müssen weg von pauschalen Einsparmaßnahmen. Denn diese setzen schlussendlich die bedarfsgerechte Versorgung der Patientinnen und Patienten aufs Spiel – und konterkarieren damit sogar das Ziel, die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung zu senken. Denn eine unterdrückte Hilfsmittelversorgung bewirkt unter Umständen höhere Folgeausgaben an anderer Stelle.“

Anhaltendes hohes Kostenniveau nicht kompensierbar – mit Auswirkungen auch auf Investitionsverhalten

Der anhaltende Hochpreiszyklus nach der Corona-Pandemie und seine Verschärfung durch geopolitische Konflikte belastet die Hilfsmittelhersteller massiv und wird als hohes Risiko am Standort Deutschland bewertet. Das gilt nach Aussage von 55 Prozent der Befragten vor allem für steigende Logistik- und Transportkosten und laut 49 Prozent für hohe Energiepreise. Schwerwiegend ist die hohe Kostenlast auf allen Ebenen vor allem deswegen, weil sie nicht an den Markt der gesetzlichen Krankenversicherung weitergegeben werden kann. Ursächlich dafür sind starre Herstellerabgabepreise, bedingt durch Unflexibilität von Versorgungsverträgen, in denen Erstattungspreise auf Jahre festgelegt sind. Das sagen 75 Prozent der Befragten und heben damit auf einen exogenen Faktor ab, auf den Hilfsmittelhersteller keinerlei Einfluss haben, der umgekehrt aber gravierende betriebliche Folgen hat – mit negativen Auswirkungen auf die Stabilität der Hilfsmittelversorgung: Für 83 Prozent der Befragten wird die Hilfsmittelproduktion unwirtschaftlicher, 40 Prozent müssen schon jetzt ihr Portfolio einschränken, 37 Prozent ihre Produktion ins Ausland verlagern und 20 Prozent Arbeitsplätze abbauen. Erstmals geben Mitglieder an, Investitionen am Standort Deutschland verschieben (37 Prozent) und Innovationen zurückstellen zu müssen (33 Prozent). Nicht von ungefähr sehen es daher 79 Prozent der eurocom-Mitgliedsunternehmen als notwendig an, dass die Erstattungspreise in den Versorgungsverträgen variabel anzupassen sind, um die Auswirkungen von Kostensteigerungen abzumildern. Oda Hagemeier betont: „Damit Patientinnen und Patienten auch künftig verlässlich mit innovativen und qualitativ hochwertigen Hilfsmitteln versorgt werden können, bedarf es einer größeren Flexibilität der vertraglichen Preisgestaltung, ohne die eine auskömmliche Produktion und Vermarktung am Standort Deutschland nicht möglich ist.“

Enges Korsett schwächt auch Krisenresilienz

Die vertraglich bedingte unflexible Preisgestaltung in der gesetzlichen Krankenversicherung wirkt sich als exogener Faktor zudem auf die Krisenfestigkeit der Hilfsmittelindustrie aus. Das betont eine große Mehrheit (89 Prozent) der Befragten. Sie sehen schnelle Reaktionen auf Krisen durch starre und langfristig gebundene Herstellerabgabepreise als erschwert. Für 82 Prozent stellt diese Marktregulierung durch Krankenkassen dabei die wesentliche Schwierigkeit in Krisenzeiten dar.

GKV-System muss attraktiver werden – vor allem für Innovationen

Die diesjährige Mitgliederbefragung zeigt: Innovations- und Marktrisiken bremsen den Fortschritt und beeinträchtigen die Attraktivität des deutschen Marktes stark. Zwar ist Deutschland noch immer wichtigster Markt für die eurocom-Unternehmen, aber seine Attraktivität sinkt deutlich. War er bis vor drei Jahren noch für alle unangefochtene Nummer 1, so befindet er sich seitdem im Sinkflug. 2024/2025 bestätigten immerhin noch 80 Prozent den Spitzenplatz, in diesem Jahr aber nur noch 70 Prozent der Hilfsmittelhersteller. Das größte Marktrisiko für die Hersteller ist mit 61 Prozent das unsichere Aufnahmeverfahren neuartiger Hilfsmittel ins Hilfsmittelverzeichnis. Zugleich stellt dieses für 73 Prozent der Befragten das größte Innovationshemmnis dar. Vor allem deshalb, weil die Refinanzierung erfolgreicher klinischer Studien zum Nachweis des medizinischen Nutzens für mittlerweile 50 Prozent (2025: 39 Prozent) kritisch ist. Schon jetzt und auch künftig können sich deshalb 47 Prozent der Befragten die Durchführung klinischer Studien nicht leisten. Die Auswirkungen sind gravierend: 66 Prozent der Befragten werden den Bereich neuartiger Produkte mit Blick auf die nächsten drei Jahre nicht ausbauen und 61 Prozent geben sogar erstmals an, aufgrund des unsicheren Aufnahmeverfahrens derzeit keine neuartigen Produkte für den GKV-Markt zu entwickeln.

60 Prozent der Hilfsmittelhersteller – und damit fast doppelt so viele wie im Vorjahr (37 Prozent) – appellieren daher an die Bundespolitik, sich für die Einführung von Regelungen zu engagieren, die das Aufnahmeverfahren neuartiger Produkte in das Hilfsmittelverzeichnis vereinfachen und beschleunigen. „Innovative Hilfsmittel müssen rascher ins Hilfsmittelverzeichnis und damit in die Patientenversorgung gelangen. Denn Hilfsmittelversorgung, die state of the art ist, leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Menschen in Deutschland selbstbestimmt und mobil leben können. Sie ermöglicht ambulante Behandlungen und kann Pflegebedürftigkeit verhindern Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit dies auch in Zukunft in Deutschland möglich bleibt“, so das Fazit der eurocom-Geschäftsführerin.

Infografik 1: Einseitige Kostenlast gefährdet Hilfsmittelversorgung „Made in Germany“

Infografik 2: Innovationsrisiken gefährden Attraktivität des Marktes Deutschland

Über eurocom

eurocom ist die Herstellervereinigung für Kompressionstherapie, orthopädische Hilfsmittel und digitale Gesundheitsanwendungen. Der Verband versteht sich als Gestalter und Dialogpartner auf dem Gesundheitsmarkt und setzt sich dafür ein, das Wissen um den medizinischen Nutzen, die Wirksamkeit und die Kosteneffizienz von Kompressionstherapie und orthopädischen Hilfsmitteln zu verbreiten. Zudem entwickelt eurocom Konzepte, wie sich die Hilfsmittelversorgung aktuell und in Zukunft sicherstellen lässt. Dem Verband gehören die maßgeblichen Unternehmen aus den Bereichen Kompressionstherapie und orthopädische Hilfsmittel an, die im deutschen und europäischen Markt tätig sind.