Solingen – Die Diskussion um mögliche Änderungen beim gesetzlichen Hautkrebsscreening hat zuletzt viel Aufmerksamkeit erzeugt. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Evidenz, Kosten und Wirksamkeit der Früherkennung. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, dass mehr als 34 Millionen Anspruchsberechtigte bestehende Hautkrebsfrüherkennungsangebote nicht nutzen. Zudem wurden zuletzt mehr als 120.100 Menschen pro Jahr stationär wegen Hautkrebs behandelt – fast doppelt so viele wie noch vor zwanzig Jahren ¹ ².
Für Dr. Ole Martin, Gründer und Geschäftsführer der digitalen Hautarztpraxis dermanostic, macht die Debatte deshalb vor allem eine andere Herausforderung sichtbar: den Zugang zur dermatologischen Versorgung.
Herr Dr. Martin, die aktuelle Diskussion dreht sich vor allem um den Nutzen des Hautkrebsscreenings. Verfolgen Sie die Debatte mit Sorge?
Die Diskussion ist wichtig und richtig. Prävention und Früherkennung bleiben zentrale Bestandteile einer guten Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass wir uns aktuell sehr stark auf die Frage konzentrieren, wie wirksam ein Screeningprogramm ist – und dabei eine andere Herausforderung aus dem Blick verlieren.
Denn bevor wir über Früherkennung sprechen, müssen Menschen überhaupt Zugang zu dermatologischer Expertise haben.
Was meinen Sie damit konkret?
Viele Menschen entdecken eine Hautveränderung und stehen zunächst vor einer ganz grundlegenden Frage: Ist das harmlos oder sollte ich damit zum Hautarzt?
Genau an diesem Punkt beginnt häufig die Unsicherheit. Manche warten zunächst ab, andere versuchen eine “Selbstbehandlung” oder schieben die Abklärung zunächst auf.
Die eigentliche Versorgungslücke beginnt deshalb oft lange vor einer möglichen Diagnose. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht wissen, wie sie eine Hautveränderung einordnen sollen oder wie sie schnell fachärztliche Unterstützung erhalten.
Aktuelle Zahlen zeigen, dass viele Menschen bestehende Vorsorgeangebote gar nicht nutzen.
Genau das macht die aktuelle Debatte so interessant.
Nach aktuellen Auswertungen hatten rund 47 Millionen gesetzlich Versicherte Anspruch auf das Hautkrebsscreening. Tatsächlich genutzt wurde das Angebot jedoch nur von etwa 13 Millionen Menschen. Mehr als 34 Millionen Anspruchsberechtigte nehmen die bestehende Früherkennung also nicht wahr ².
Für mich ist das die entscheidende Zahl. Wenn mehr als 70 Prozent der Anspruchsberechtigten bestehende Vorsorgeangebote nicht nutzen, sollten wir nicht nur über Screeningprogramme sprechen. Wir sollten darüber sprechen, wie wir Menschen überhaupt besser erreichen ².
Gleichzeitig steigen die Hautkrebszahlen weiter an.
Ja, und auch das sollte Teil der Diskussion sein.
Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden zuletzt mehr als 120.000 Menschen pro Jahr stationär wegen Hautkrebs behandelt. Die Zahl der stationären Hautkrebsbehandlungen hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt ¹.
Das zeigt, welche Relevanz Hautgesundheit inzwischen für unser Gesundheitssystem besitzt.
Umso wichtiger wird die Frage, wie wir Menschen frühzeitig in die Versorgung bringen – bevor aus Unsicherheit oder langen Wartezeiten wertvolle Zeit verloren geht. Denn je früher Hautkrebs erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsaussichten und desto seltener werden Krankenhausaufenthalte aufgrund von Hautkrebs erforderlich.
Wird sich diese Entwicklung künftig weiter verstärken?
Davon ist auszugehen.
Fachinstitutionen wie das Bundesamt für Strahlenschutz und das Deutsche Krebsforschungszentrum weisen darauf hin, dass UV-Strahlung der wichtigste vermeidbare Risikofaktor für Hautkrebs bleibt und die Bedeutung von Sonnenschutz und Hautbewusstsein in Zukunft weiter zunimmt³. Außerdem haben wir es mit einer alternden Bevölkerung zu tun, wodurch die Anzahl der Hautkrebsdiagnosen naturgemäß steigt.
Das bedeutet: Der Bedarf an dermatologischer Beratung, Einordnung und Behandlung wird eher weiterwachsen als sinken.
Deshalb müssen wir schon heute darüber nachdenken, wie Versorgung künftig organisiert werden kann.
Welche Rolle können digitale Angebote dabei spielen?
Digitale Angebote können einen wichtigen Beitrag zur Schließung von Versorgungslücken leisten, indem sie den Zugang zu fachärztlicher Versorgung beschleunigen und vorhandene Ressourcen effizienter nutzen: Bei dermanostic erhalten Patient:innen innerhalb von 24 Stunden eine hautärztliche Einschätzung, während Vor-Ort-Praxen gezielt für die Fälle entlastet werden, die eine körperliche Untersuchung benötigen.
Wir verstehen digitale Angebote nicht als Ersatz für den klassischen Hautarztbesuch und auch nicht als Ersatz für Vorsorgeuntersuchungen. Sie schaffen vielmehr einen ergänzenden Zugang zur fachärztlichen Versorgung.
Menschen erhalten eine schnelle dermatologische Einschätzung und wissen frühzeitig, ob eine weitere Abklärung notwendig ist oder ob eine Hautveränderung unbedenklich erscheint.
Gerade diese erste fachärztliche Orientierung kann für viele Patient:innen entscheidend sein.
Kritiker machen sich Sorgen, dass digitale Medizin persönliche Arztkontakte verdrängen könnte.
Ich sehe das Gegenteil.
Digitale Versorgung funktioniert besonders dort gut, wo sie bestehende Strukturen ergänzt. Sie hilft dabei, Menschen früher in den Versorgungsprozess zu bringen und medizinische Expertise schneller verfügbar zu machen.
Wenn sich dabei Hinweise auf eine ernsthafte Erkrankung ergeben, erfolgt selbstverständlich die Empfehlung zur weiterführenden Diagnostik und Behandlung vor Ort.
Digitale Medizin ersetzt keine Dermatologie. Sie erweitert den Zugang zu ihr.
Was wünschen Sie sich von der aktuellen Debatte?
Ich wünsche mir einen breiteren Blick auf das Thema.
Die Frage darf nicht nur lauten: Wie gestalten wir Hautkrebsfrüherkennung?
Die Frage sollte auch lauten: Wie schaffen wir niedrigschwellige Zugänge zur dermatologischen Versorgung für Millionen Menschen, die bestehende Angebote heute nicht nutzen?
Denn medizinischer Nutzen entsteht nicht erst durch eine Untersuchung. Er entsteht bereits dort, wo Menschen rechtzeitig den Weg in die Versorgung finden und ein Bewusstsein für ihre Hautgesundheit entwickeln.
Ihr Fazit?
Die Diskussion um das Hautkrebsscreening macht ein größeres Problem sichtbar.
Deutschland braucht nicht nur gute Früherkennungsangebote. Deutschland braucht auch Wege, um Menschen schneller und einfacher in die dermatologische Versorgung zu bringen.
Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre.
Quellen
1 Statistisches Bundesamt,
2 BARMER Arztreport 2026
3 Bundesamt für Strahlenschutz