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Donnerstag, 10. Oktober 2013, 12:10 Uhr

B&K - Bettschart & Kofler Kommunikationsberatung GmbH

Pain in Europe VIII - 8. EFIC-Kongress, 9.-12. Oktober 2013, Florenz

Jede/r fünfte Europäer/-in hat chronische Schmerzen - Europäische Schmerzföderation EFIC startet Europäisches Jahr gegen orofaziale Schmerzen

Florenz – 20 Prozent der erwachsenen Europäer/-innen leiden an chronischen Schmerzen, die dadurch verursachten direkten und indirekten Kosten liegen bei 1,5 bis 3 Prozent des europäischen BIP, betonte der Präsident der Europäischen Schmerzföderation beim EFIC-Kongress in Florenz. Dort fiel heute auch der Startschuss zum Europäischen Jahr gegen den Schmerz, das 2013/2014 dem unterschätzten Problem von Schmerzen im Mund- Gesichts- und Kieferbereich gewidmet ist.

Florenz, 10. Oktober 2013 – Rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der EU, das sind mehr als 80 Millionen Menschen, leiden an chronischen Schmerzen, die schon drei Monate oder länger regelmäßig auftreten – mehr als doppelt so viele wie an Diabetes. Neun Prozent der Europäer/-innen sind täglich mit ihren Schmerzen konfrontiert.1 Die gesamten direkten und indirekten Kosten chronischer Schmerzen machen geschätzte 1,5 bis drei Prozent der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung aus.2

Diese alarmierenden Zahlen wurden heute beim Kongress der Europäischen Schmerzföderation EFIC in Florenz diskutiert. „Es ist wichtig, chronische Schmerzen als medizinisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem sichtbarer zu machen. Chronische Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität mehr als die meisten anderen Erkrankungen und sind der häufigste Grund dafür, warum Menschen einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen.3 Chronische Schmerzen haben einen enormen Einfluss auf den Alltag, das Arbeits- und Familienleben, sie verursachen nicht nur millionenfaches persönliches Leid, sondern sind auch gesellschaftlich weitaus relevanter als häufig angenommen“, sagte EFIC-Präsident o.Univ.-Prof. DDr. Hans Georg Kress (AKH/MedUni Wien).

Chronische Schmerzen belasten Volkswirtschaften massiv

Gerade in Zeiten einer anhaltend negativen wirtschaftlichen Entwicklung und eines massiven Spardrucks im Sozial- und Gesundheitsbereich sei es wichtig, auf die volkswirtschaftliche Dimension chronischer Schmerzen aufmerksam zu machen, so Prof. Kress. „Dabei geht es nicht nur um die massive Belastung, die die Behandlung von chronischen Schmerzen für die Gesundheitsbudgets bedeutet, sondern vor allem auch um die indirekten Kosten aufgrund von Produktivitätsverlusten und Arbeitsunfähigkeit.“

Immerhin etwa zwei Drittel der chronischen Schmerzpatienten/-innen in Europa stehen grundsätzlich noch im Arbeitsleben, doch ihre Beschwerden schlagen sich mit 500 Millionen Krankenstandstagen zu Buche4. Chronische Schmerzen sind die häufigste Ursache für eine Berufsunfähigkeit oder Frühpension,5 das Risiko, die Berufstätigkeit beenden zu müssen, ist bei Schmerzpatienten/-innen sieben Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung.6

Gesundheitspolitik gefordert

Die Dimensionen chronischer Schmerzen, ihre sozioökonomischen Auswirkungen und die deutlichen Defizite in der Versorgung seien ein klarer Auftrag an die Gesundheitspolitik – auf europäischer Ebene ebenso wie in den einzelnen Ländern, so Prof. Kress. „Wir brauchen Investitionen in die Schmerzforschung, in die schmerztherapeutische Ausbildung und ganz besonders in spezialisierte Strukturen für die Prävention, Behandlung und Rehabilitation chronischer Schmerzen. Weniger chronischer Schmerz, weniger Leid, und mehr Produktivität – das gibt es nicht zum Nulltarif.“

Europäischer Schmerzkongress in Florenz

Vom 9. bis 12. Oktober 2013 findet in Florenz der 8. Kongress der Europäischen Schmerzföderation EFIC, Pain in Europe VIII, statt. Mehr als 4.000 Experten/-innen aus aller Welt treffen zu dieser größten schmerzmedizinischen Veranstaltung in Europa zusammen. Ein breit gefächertes Programm gibt Einblicke in neueste Erkenntnisse aus verschiedensten Bereichen der Schmerzmedizin. Mit dem diesjährigen Kongress kommt die Europäische Schmerzföderation EFIC nach 20jährigem Bestehen wieder zurück nach Italien – hier hat 1995 der erste EFIC-Kongress in Verona stattgefunden.

Unterschätztes Problem orofaziale Schmerzen

Im Rahmen des diesjährigen Kongresses startete EFIC heute das Europäische Jahr gegen den Schmerz (European Year Against Pain, EYAP). „Mit dieser Kampagne rücken wir jedes Jahr eine spezielle Schmerzform oder ein spezielles Problem in Verbindung mit Schmerzen in den Mittelpunkt“, so Dr. Chris Wells (Liverpool), President Elect von EFIC.

In diesem „Europäischen Jahr gegen orofaziale Schmerzen“ von Oktober 2013 bis Oktober 2014 wird die Aufmerksamkeit auf eine Form von Schmerzen gelenkt, die sehr viele Menschen in ihrer akuten Form kennen, die aber in der chronischen Form weitgehend unterschätzt werden. „Orofaziale Schmerzen beschreiben generell jede Form von Schmerzen im Mund-, Kiefer- oder Gesichtsbereich, die sehr unterschiedliche Ursachen haben und die sich in sehr unterschiedlichen Symptomen darstellen können“, erklärte Dr. Wells. „Das reicht von Zahnschmerzen, die fast jeder Mensch schon einmal erlebt hat, bis hin zu sehr belastenden Erkrankungen wie Kieferschmerzen, Zungenbrennen („burning mouth syndrome“), Trigeminusneuralgie oder Cluster-Kopfschmerz. Chronische orofaziale Schmerzen sind weltweit ein großes Gesundheitsproblem. Sieben Prozent der Bevölkerung leiden an einer Form von chronischem Gesichtsschmerz, der länger als drei Monate andauert.“

Nach Zahnschmerzen, die in der Akutform fast jeder Mensch schon erlebt hat, sind die zweithäufigste Form orofazialer Schmerzen Kieferschmerzen (Kiefergelenks-Dysfunktion, TMD), mit einer geschätzten Prävalenz von fünf bis zehn Prozent. Allein in den USA verursacht TMD Kosten von vier Milliarden Dollar im Jahr.7

Ein anderes Beispiel für schwer behandelbaren chronischen Gesichtsschmerz ist das Zungenbrennen („burning mouth syndrome“, BMS), von dem etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen sind. „Früher hielt man dieses Syndrom für ein vorwiegend psychisches Problem, aber neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass hier sehr unterschiedliche Faktoren zusammenwirken, unter anderem Nervenschädigungen, und dass komplexe medikamentöse Therapieansätze helfen können“, so Dr. Wells.

„Zwei der schlimmsten Formen von Schmerz sind die Trigeminusneuralgie und der Cluster-Kopfschmerz“, so der Experte. „Beide sind so schwerwiegend, dass sie Betroffene in den Suizid treiben können.“ Die Trigeminusneuralgie ist eine schwer belastende Erkrankung, bei der schon die leichteste Berührung, ein Windhauch oder Kauen zu schweren einschießenden Schmerzen führen können. Anfälle dauern Sekunden oder Minuten, aber können bis zu 70 Mal am Tag auftreten. Cluster-Kopfschmerz tritt vorwiegend bei jüngeren Menschen auf, mehrheitlich bei Männern. Betroffene beschreiben den Schmerz wie einen glühenden Schürhaken im Gesicht.

Chronische orofaziale Schmerzen stellen eine diagnostische und therapeutische Herausforderung dar, sagt Dr. Wells. „In manchen Fällen steht eine geeignete Therapie zur Verfügung, die in spezialisierten Zentren angeboten werden kann. In anderen Fällen gibt es keine spezifische Therapie, aber Unterstützung durch ein Zusammenwirken von Schmerztherapeuten/-innen, Zahnärzten/-innen oder Psychologen/-innen. Ein interdisziplinäres Betreuungskonzept muss alle Faktoren berücksichtigen, die zu orofazialen Schmerzen beitragen können, einschließlich Stress."

Im Europäischen Jahr gegen orofaziale Schmerzen soll die Öffentlichkeit über diese verschiedenen Formen von Schmerzen aufgeklärt und über die Behandlungsmöglichkeiten informiert werden. Unter www.efic.org werden Faktensammlungen und Patienteninformationen zu den verschiedenen Formen von orofazialen Schmerzen zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus gibt es in den 36 Ländern, in denen EFIC-Chapter aktiv sind, zahlreiche Initiativen und Aktivitäten zum Thema.

  1. Breivik et al, Survey of chronic pain in Europe. European Journal of Pain 2006
  2. Pain Proposal: Improving the Current and Future Management of Chronic Pain. A European Consensus Report 2010
  3. UK Department of Health. Annual report of the Chief Medical Officer; Pain, breaking through the barrier. 2008
  4. European Pain Network: The EPN Manifesto
  5. Phillips C, Main C, Buck R, Aylward M, Whynne-Jones G, Farr A., Prioritising pain in policy making: The need for a whole systems perspective, Health Policy 88, 2008
  6. Jonsson E., Back pain, neck pain, Swedish Council on Technology Assessment in Health Care Report, NoP: 145: Stockholm, 2000
  7. Gatchel et al, Journal of the American Dental Association 2006 (137)