Übersicht / Messe Düsseldorf GmbH / Meldung vom 11.09.2012

Dienstag, 11. September 2012, 13:31 Uhr

Messe Düsseldorf GmbH

Trend-Vorschau

MEDICA PHYSIO FORUM: Aktiv gegen chronischen Schmerz, Luftnot und Herzschwäche

Düsseldorf – Physiotherapeutische Verfahren sind in der Medizin, in der therapeutischen wie in der präventiven, unstreitig unverzichtbar. Nur drei große, auch ökonomisch äußerst wichtige Anwendungsgebiete sind chronische Schmerzleiden, etwa Rückenschmerzen, sowie Herz- und Atemwegserkrankungen. Was die Physiotherapie hier leisten kann, ist demzufolge ein wichtiges Thema bei der mit mehr als 4.500 Ausstellern weltgrößten Medizinmesse MEDICA 2012 in Düsseldorf (14. – 17. November) und zwar vorrangig in den Vorträgen des MEDICA PHYSIO FORUM, dem „Gipfeltreffen“ der physiotherapeutischen Berufsverbände (Halle 4).

Von Rückenschmerzen bleibt in den westlichen Industriestaaten auf Dauer fast niemand verschont: Gut 80 Prozent der Menschen leidet irgendwann im Laufe des Lebens daran. Aktuell klagen bis zu 40 Prozent der deutschen Bevölkerung über Rückenschmerzen, überwiegend im Alter zwischen 50 bis 59 Jahren. Frauen sind angeblich häufiger betroffen als Männer. Die resultierenden Gesamtkosten, also direkte Kosten der medizinischen Versorgung sowie indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle und/ oder Berentung liegen zwischen 400 und 7000 Euro pro Patient und Jahr. Jährlich sollen die Gesamtkosten in Deutschland über 50 Milliarden Euro betragen. 2006 betrugen allein die direkten Kosten in Deutschland über acht Milliarden Euro. Noch größer sind die indirekten Kosten aufgrund von Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit; ihr Anteil an den Gesamtkosten liegt nach Angaben von Professor Martin Rudwaleit vom Endokrinologicum Berlin bei bis zu 85 Prozent („Zeitschrift für Rheumatologie“ 2012; 71: 485 - 500).

Operation sehr selten indiziert

Viele Rückenschmerz-Kranke versuchen es mit Pillen oder Spritzen, manche mit Nadeln, einige wenige leiden vor sich hin und hoffen auf Spontanheilung, andere wiederum suchen ihr Heil bei einem Operateur. Das Spektrum der angebotenen Therapien ist groß. Sicher ist: Es gibt weder eine „Wunder-Pille“ noch eine Behandlungsweise, von der jeder Betroffene profitiert. Und: Trotz vieler Fortschritte auf dem Gebiet der minimal-invasiven Wirbelsäulen-Chirurgie sind operative Maßnahmen für die wenigsten Rückenschmerz-Kranken erforderlich und sinnvoll. Ausnahmen sind unstreitig Tumoren etwa, massive Fehlstellungen und auch Bandscheibenvorfälle, dann nämlich, wenn sie mit neurologischen Schäden, etwa Lähmungen oder Störungen der Blasen- und Darmfunktionen, einhergehen. Der Grund für diese empfohlene Zurückhaltung bei Bandscheiben-Operationen: Der Eingriff kann – wie jede Operation – zu Komplikationen führen und bietet außerdem keine Sicherheit, dass danach keine Schmerzen mehr auftreten. Ähnlich sehen dies die Krankenkassen. 85 Prozent der operativen Eingriffe bei Patienten mit Rückenbeschwerden seien überflüssig, lautet zum Beispiel die These der Techniker Krankenkasse (TK). „Passives Hoffen“ auf Hilfe und Heilung ist allerdings auch nicht angesagt - und in der Regel schon gar nicht Bettruhe.

Zur Behandlung stehen nach Angaben der Heidelberger Wirbelsäulen- Spezialisten Dr. Andreas Werber und Professor Marcus Schiltenwolf im Wesentlichen folgende Therapie-Strategien zur Verfügung (Nervenarzt 2012; 83: 243 - 258):

Medikamentöse Therapien, wobei vor allem nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Entzündungshemmer (NSAID) verwendet werden. Weitere Optionen sind schwach wirksame Opioide, eventuell sogar stark wirksame sowie so genannte Ko-Medikamente wie etwa Antidepressiva und Bisphosphonate. Bei akuten Schmerzen könne auch eine Wärmetherapie angewendet werden. Manche Therapeuten setzen auch auf unterstützende diätetische Maß- nahmen, etwa mit B- Vitaminen.Injektions-Therapien (so genannte interventionelle Verfahren) und operative Eingriffe.

Angesagt: Multimodale Therapie

Schmerz-Spezialisten empfehlen Patienten mit chronischen Rückenschmerzen heute überwiegend eine konservative Therapie – und zwar eine multimodale Therapie. Hierunter versteht man laut Werber und Schiltenwolf „beim Vorliegen chronifizierender oder bereits chronischer Schmerzen“ die Anwendung verschiedenartiger Therapieweisen „der Körpertherapie (Ausdauer- und Kräftigungstherapie auch an Geräten, Körperwahrnehmung und -training) sowie gleichrangig der Psychotherapie.

Mehr Stabilität und Mobilität durch die Spiraltherapie

Ein zentraler Baustein der Therapie von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ist bekanntlich die Physiotherapie. Ein Verfahren, das von vielen Therapeuten und Übungsleitern in Tschechien, der Slowakei und Deutschland angewandt wird, ist die so genannte Muskelspiralstabilisation, eine von dem Prager Mediziner Dr. Richard Smisek entwickelte Methode zur Stabilisation und Mobilisation der Wirbelsäule (SM-System). Die Methode basiert im Wesentlichen auf der Überlegung, dass Hauptursache für Rückenschmerzen eine fehlerhafte, vertikale Stabilisation ist. Kern des Verfahrens, das Smisek beim MEDICA PHYSIO FORUM vorstellen wird, sind spezielle Übungen mit einem Gummizugband. Dadurch aktivieren sich Muskelketten, die sich spiralförmig durch den Körper ziehen. Die Wirbelsäule wird gestreckt, der Körper aufgerichtet. Durch die Dehnung der Wirbelsäule nach oben werden Schmerzen gelindert; der Druck auf Bandscheiben und kleine Wirbelgelenke sinkt, so dass sie sich regenerieren können. Das Training wird speziell auf Beschwerden wie Skoliosen, Fehlhaltungen und Bandscheiben- Beschwerden abgestimmt, die Übungen können individuell variieren.

Auch für Herzkranke: die Ganzkörper-Elektrostimulation

Ein weiteres Verfahren, das bei Rückenschmerzen angewendet werden kann, ist die Ganzkörper-Elektrostimulation. Sie ist aber nicht auf diese Indikation beschränkt: Die Ganzkörper-EMS ist auch eine Option für Herzkranke, etwa für Patienten mit Herzinsuffizienz, weiß Andreas Fründ, Leiter der Physiotherapie Herz-und Diabeteszentrum NRW, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum. Herzinsuffizienten Patienten kann durch die EMS effektiv geholfen werden, was sich nicht nur durch einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität, sondern auch in verbesserten spiroergometrischen Belastungstests nachweisen läßt. „Das EMS Training findet bei unseren Patienten von Beginn an eine sehr hohe Akzeptanz, da sich Körpergefühl und Belastbarkeit bereits nach wenigen Anwendungen deutlich spürbar bessern“, so Fründ, der über seine Erfahrungen mit der Methode bei herzinsuffizienten Patienten auf dem Physio-Forum berichten wird. Bei der EMS mittels der Miha-Bodytec Stimulationseinheit werden synchron mehrere große Muskelgruppen stimuliert, so dass sie sich kontrahieren. Die Stimulationsparameter können die Patienten zum Teil selbst einstellen. Um einen Effekt zu erzielen, muss regelmäßig über einen längeren Zeitraum trainiert werden. Ein großer Vorteil ist, dass es sich um eine von der mentalen Einstellung und dem physischen Leistungsvermögen weitgehend unabhängigen Trainingsform handelt, so dass insbesondere auch schwer Herzkranke davon profitieren können.

Reflektorische Atemtherapie: mehr Luft für COPD-Kranke

Ein weiteres Thema beim MEDICA PHYSIO FORUM ist die reflektorische Atemtherapie, über die Stella Seeberg referieren wird, die untersucht hat, was mit dieser Therapie bei schwer COPD-Kranken erreicht werden kann. Für ihre dreimonatige Studie mit 24 Probanden in einer Rehabilitationsklinik wurde Seeberg übrigens in diesem Sommer mit dem Wissenschaftspreis des Bundesverbandes der selbstständigen Physiotherapeuten (IFK-Preis) ausgezeichnet.

Entwickelt wurde die reflektorische Atemtherapie in den 50er Jahren von Dr. Johannes Ludwig Schmitt in Zusammenarbeit mit der Krankengymnastin Liselotte Brüne. Die Therapie beeinflusst durch periphere Reize unwillkürlich die Atemform. Die dadurch veränderten Atembewegungen werden vom Patienten als spürbare Erleichterung wahrgenommen. Zielsetzung ist eine vermehrte Lungenbelüftung, Lösung von Bronchialschleim, beweglicheres Zwerchfell, normalisierter Tonus der Atemhilfsmuskeln und verbesserte Beweglichkeit aller Gelenke.

Als Indikationen lassen sich beispielsweise anführen:

Obstruktive Ventilationsstörungen (z.B. Asthma bronchiale, Emphysem, chronisch obstruktive Bronchitis) Restriktive Ventilationsstörungen (besonders bei verminderter Thoraxdehnbarkeit) Störungen des Bewegungsapparates.

Weitere Themen auf dem MEDICA PHYSIO FORUM sind u. a.:

Regionale Probleme in der Abrechnung (Christoph Soldanski) Kulturelle Adapation und Validierung der „Patient-Specific-Funcional-Scale im Deutschen. Eine empirische Untersuchung von Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen ((Patrick Heldmann)Betriebliche Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement durch Physiotherapeuten (Edwin Arnold, GEA Zentrum für Gesundheit, Radolfzell) Menschen mit Behinderung: Zugang zu den Berufen „Masseur u. med. Bademeister“ sowie „Physiotherapeut“ (Wolfgang Oster, Leiter Studienzentrum, Berufsbildungswerk Mainz) Prävention und Physiotherapie in der Psychosomatik (Michael Finder, AG Prävention)

Informationen zur MEDICA 2012, zu Innovationen der Aussteller (z. B. den fast 300 Ausstellern aus dem Bereich der Physiotherapie- und Orthopädietechnik) sowie die Programm-Übersichten der Fachforen und des Kongresses der MEDICA sind online abrufbar: www.medica.de.

TERMIN-HINWEIS!

In der kommenden Woche, am 18.09.2012 findet die MEDICA PREVIEW 2012 im Dorint Hotel Hamburg am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), Martinistraße 72, 20259 Hamburg, ab 09:00 Uhr statt.

Informationen zu beteiligten MEDICA-Aussteller, zu Themen und zum Programm-Ablauf sind online abrufbar unter: www.preview-event.com/eflyer