Übersicht / Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft / Meldung vom 11.08.2020

Dienstag, 11. August 2020, 15:50 Uhr

Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft

Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft mahnt Versäumnisse der Gesundheitspolitik an

Musiktherapie für Demenzerkrankte muss kassenfinanzierbar werden

Berlin – Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMtG) begrüßt das aktuelle ZDF-Chorprojekt „Unvergesslich – unser Chor für Menschen mit Demenz“. Als mediales Projekt kann es die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Demenz erhöhen und zeigt die enorme positive und gesundheitserhaltende Bedeutung von Musik – gerade für Menschen in einem frühen Stadium der Demenz und deren Angehörige.

Experten sind sich einig – Potential von Musik lässt sich therapeutisch nutzen

Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten machen seit über 30 Jahren in ihrer musiktherapeutischen Arbeit die Erfahrung, dass aktives Musizieren und Singen das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz steigert, Stress abbaut und die Beziehungsfähigkeit stärkt. Wenn Musik als emotionale Sprache qualifiziert mit einem individualisierten musikalischen Therapieangebot eingesetzt wird, bleibt noch lange ein Zugang zu einem wichtigen Teil der Persönlichkeit erhalten. Frühere Fähigkeiten können zu einem Teil wieder aktiviert werden. Vorstand Prof. Dr. Lutz Neugebauer (Witten): „In der musiktherapeutischen Arbeit bei Menschen mit fortgeschrittener mittelschwerer und schwerer Demenz zeigt sich, dass die Wirkungen der Musik sogar noch weit über das hinausgehen, was das kurze, 3 Monate umfassende Chorprojekt abbildet.“ Seit langem haben internationale wissenschaftliche Studien belegt, so Neugebauer weiter, dass Musiktherapie nicht nur das emotionale Leben der Betroffenen bereichert, sondern auch intellektuelle Fähigkeiten aktivieren kann, die Depressivität der Patienten verringern sowie die demenzbedingte Aggressionen, Unruhezustände und den Bewegungsdrang regulieren kann.
Die langjährige Expertin zur Thematik „Musiktherapie und Demenz“, Prof. Dr. Dorothea Muthesius von der Universität der Künste Berlin, ergänzt: „Sich an die Musik in der frühen Biografie zu erinnern, fördert kognitive Fähigkeiten wie die Strukturierung und das Erleben von Zeit. Musik ist in vielen Regionen des Gehirns aktiv, sie aktiviert Gefühle, die in der Demenz nicht verloren gehen. Dass Musik ein Leben lang erhalten bleibt, belegen die Ergebnisse der Neurowissenschaften immer wieder. Dieser Wert von Musiktherapie bei Menschen mit Demenz wird auch seit einigen Jahren in den medizinischen S3 Leitlinien Demenzen abgebildet, die als Richtlinien für die medizinische Versorgung gelten. Gleichzeitig hat Musiktherapie eine unmittelbare Auswirkung auf das Miteinander und die sozialen Beziehungen und das ist bedeutend für die Lebensqualität. Denn Menschen erleben sich als gesund mit einer gefühlten Identität.“

Das Potential von Musiktherapie hat sich kürzlich auch im Forschungsprojekt „Musiktherapie 360 Grad“ unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Hillecke von der Fakultät für Therapiewissenschaften der SRH-Hochschule Heidelberg erneut bestätigt. Im Projekt wurden neben den Betroffenen auch die Angehörigen und das Pflegepersonal mit musiktherapeutischen Angeboten zwei Jahre lang versorgt. Die inzwischen publizierten Ergebnisse zeigen, dass sich nicht nur die Lebensqualität der von Demenz Betroffenen entscheidend und nachhaltig verbessert hat, auch die Angehörigen konnten neue belastbare Beziehungen zu ihren Verwandten aufnehmen und beim Pflegepersonal konnte Stress reduziert werden.

Kritik an der Verfahrensweise des Gemeinsamen Bundesausschuss

Angesichts der bundesweiten Nationalen Demenzstrategie fordert Prof. Dr. Neugebauer deshalb ein Umdenken von allen in der Gesundheitspolitik Verantwortlichen: „Jetzt ist es dringend an der Zeit – und das medienwirksame ZDF-Projekt hat das ja nochmal bestätigt –, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse in praktische politische Handlungen umgesetzt werden und Musiktherapie finanziert werden kann. In diesem Zusammenhang ist es sehr bedauerlich, dass der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) es seit längerem nicht schafft, einen längst überholten Ausschluss von Musiktherapie aus der Heilmittelrichtlinie zu entfernen. Im Gegenteil: Er hat auch in der jüngsten Überarbeitung der Heilmittelrichtlinie an dem Ausschluss festgehalten und damit die inzwischen vorliegenden evidenzbasierten Nachweise für die Wirksamkeit von Musiktherapie in vielen Bereichen komplett ignoriert.“ Zuletzt hatte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Juli 2019 den Ausschluss mit seinem ThemenCheck Medizin zur Wirksamkeit begleitender Musiktherapie für Krebs-Patient.innen angezweifelt und dem G-BA eine Änderung nahegelegt.

Ausschließlich auf evidenzbasierte Ergebnisse zu setzen, halten die Experten ebenfalls für problematisch. Kleine Fallzahlen, erfahrungsbasiertes Wissen im Sinne einer EXPERIENCE BASED MEDICINE sollte gerade bei anwendungsorientierter Therapieforschung den gleichen Stellenwert haben, wie EBM-basierte Studien zur Medikamentenwirksamkeit, ergänzt Neugebauer: „Die Methoden einfach 1:1 zu übertragen ist nicht möglich. Dies zu fordern oder erst in dreißig Jahren damit anzufangen, ist ein Verrat an den jetzigen und künftigen Menschen mit Demenz“.