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Neues Informationsportal will Leistungen des Gesundheitssystems für arme und überschuldete Menschen transparent machen

Sozialvital: Mehr Durchblick im Gesundheitswesen

Mainz – Um dem Teufelskreis von Armut, Überschuldung und Krankheit, zu dem oft auch eine schlechte Gesundheitsversorgung gehört, entgegenzuwirken, haben das Schuldnerfachberatungszentrum (SFZ) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz das Projekt “Sozialvital” gestartet. Ab November 2011 wird eine neue Internetseite nun über Leistungen des deutschen Gesundheitssystems auf eine leicht verständliche Art informieren. Die Informationen richten sich zum einen an Berater, Lehrer und Erzieher als Multiplikatoren, mit Info-Broschüren in verschiedenen Sprachen aber auch direkt an die Betroffenen. Die neue Internetseite unter http://www.sozialvital.de wurde am Montag bei einer Pressekonferenz in Mainz vorgestellt. Das Projekt wird von der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank Südwest finanziell gefördert und erfolgt im Rahmen von “Mainz – Stadt der Wissenschaft 2011”.

Spätestens seit der Studie “Armut, Schulden und Gesundheit” (ASG-Studie), die vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin in den Jahren 2006 und 2007 in Zusammenarbeit mit Schuldnerberatungsstellen in Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt wurde, ist wissenschaftlich belegt, dass überschuldete Menschen häufiger krank sind. Gleichzeitig nehmen sie aber das Gesundheitssystem weniger in Anspruch als andere. So sind beispielsweise immer wieder Menschen zu finden, die nicht zum Arzt gehen, weil sie sich die 10 Euro Praxisgebühr nicht leisten können. Oft ist ihnen gar nicht bekannt, dass es unter bestimmten Voraussetzungen Möglichkeiten gibt, sich von der Gebühr befreien zu lassen. “Man kann sich zwar erkundigen, etwa beim Arzt, bei der Krankenkasse oder im Internet. Nur leider bekommt man oft unterschiedliche und teilweise sogar falsche Antworten”, sagte Prof. Dr. Stephan Letzel, Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz. “Mit unserem Projekt sozialvital möchten wir daran arbeiten, dass jeder leicht zugänglich die richtigen Informationen finden kann”, führt er dazu weiter aus.

Das Schuldnerfachberatungszentrum und das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin kritisieren, dass die gesetzlich Versicherten nicht angemessen und verständlich informiert werden. “Unsere Recherchen zu dem Projekt haben gezeigt, dass die Hotlines von Krankenkassen oft nicht korrekt Auskunft geben”, so Letzel. Er weist darauf hin, dass es eigentlich der gesetzliche Auftrag der Krankenkassen sei, korrekte Informationen über die Leistungen im Gesundheitswesen zu erbringen. Einer Studie des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin zufolge gab es beispielsweise in Fragen der halbjährlichen Zahnvorsorgeuntersuchung systematisch falsche Auskünfte von mehr als der Hälfte der angesprochenen Versicherungen. “Fakt ist jedenfalls, dass in Deutschland die Versicherten noch keine verständlichen Informationen haben.” Gerade für Menschen mit einem knappen Budget, die beispielsweise überschuldet sind, wäre das aber notwendig.

In diese Lücke springt das Projekt “Sozialvital” mit seinem Konzept, das die Ansprüche auch für arme und überschuldete Menschen verständlich aufbereitet und die entsprechenden Informationen mit Hinweisen auf das fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V) ergänzt. So sind drei Broschüren entstanden, die über kostenlose und kostenpflichtige Leistungen informieren, Leistungen für Kinder und Jugendliche auflisten und Erstattungsansprüche erläutern. Die Broschüren liegen außer in Deutsch auch in Englisch, Türkisch, Arabisch und Russisch vor und können auf der Internetseite http://www.sozialvital.de heruntergeladen werden.

“Wir haben ‚Sozialvital‘ bereits in unserer Bewerbung um den Titel ‚Stadt der Wissenschaft‘ als eines der wesentlichen Projekte aus dem Bereich ‚Gesunde Stadt‘ identifiziert”, so Sozialdezernent Kurt Merkator. „Auch für viele Bürgerinnen und Bürger in Mainz stellt Überschuldung eine reale Gefahr dar. Da wollen wir als Stadt auch von verschiedenen Seiten Hilfestellungen bieten: In unserer ‚Stadt der Wissenschaft‘ sollen die bereits vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz und dem Schuldnerfachberatungszentrum gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse durch die neue Homepage und die Übersetzung der Informationsbroschüren in verschiedene Sprachen in nachhaltige Gesundheitsförderung und Prävention sowie Beratung umgesetzt werden.”

Die Initiatoren streben an, sich im Rahmen von “Mainz – Stadt der Wissenschaft 2011” mit anderen Akteuren aus diesem Bereich zu vernetzen und so die Reichweite für ihr Gesundheitspräventionsprojekt zu vergrößern. Unterstützt werden sie dabei von der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank Südwest. Die Genossenschaftsbank, die als Kunden ausschließlich Privatpersonen hat, möchte über dieses Projekt ihren Beitrag leisten, dass überschuldete Menschen wieder aus dem Teufelskreis der Überschuldung herauskommen und ein gesundes Leben inmitten der Gesellschaft führen können.

Die Stiftung der Sparda-Bank Südwest unterstützt deshalb auch das Programm “finanziell fit”, ein Bildungskonzept des Schuldnerfachberatungszentrums zur Stärkung der Finanzkompetenz von Familien und Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Rahmen von “finanziell fit” werden unter anderem qualifizierte ehrenamtliche Helfer in Rheinland-Pfalz weitergebildet. Sie erhalten Basiswissen in finanziellen Fragen, das sie als Weiterbildungsleiter über Jugendzentren und Schulen oder bei Seminaren und Workshops in die Familien und vor allem auch zu den Jugendlichen tragen. Künftig sollen die entwickelten Konzepte und Inhalte auch im Bildungsbereich eingesetzt werden. Dazu gibt es bereits erste Pläne, das Grundwissen und die didaktisch aufbereiteten Inhalte auch in der Ausbildung und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu verankern. In Kooperation mit dem Zentrum für Bildungs- und Hochschulforschung soll dabei über die Transferstelle Bildung gewährleistet werden, dass die Projektergebnisse, die im Rahmen von „Mainz – Stadt der Wissenschaft 2011″ entwickelt wurden, auch nach dem Wissenschaftsjahr genutzt und weiterentwickelt werden.

Das Schuldnerfachberatungszentrum an der Universität Mainz wurde im Juni 1999 im Zuge der Einführung des Verbraucherinsolvenzverfahrens gegründet und ist eine bundesweit einmalige Einrichtung, die sowohl die Schuldnerberatungsstellen des Landes unterstützt, als auch universitäre Forschung betreibt.

Das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin beschäftigt ein interdisziplinäres Team, bestehend aus Medizinern sowie Natur- und Sozialwissenschaftlern, das die drei Fachbereiche in Forschung und Lehre mit innovativen Projekten vertritt. Außerdem übernimmt das Institut eine beratende Funktion in der Krankenversorgung. Es verfügt unter anderem über eine arbeits- und umweltmedizinische Ambulanz sowie ein toxikologisches und neurophysiologisches Labor. 2011 wurde das arbeitsmedizinische Fachberatungszentrum mit dem Schwerpunkt Lehrergesundheit am Institut eingerichtet. Die Arbeitsgruppe “Sozialmedizin/Public-Health” hat einen Schwerpunkt auf das Thema “Soziale Netzwerke und die Bewältigung von Armut und Schulden” gelegt und trägt damit seit dem Jahr 2005 zum Exzellenzcluster der Universitäten Mainz und Trier “Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke” des Landes Rheinland-Pfalz bei.