Übersicht / Adriane Beck & Partner GmbH / Meldung vom 23.07.2019

Dienstag, 23. Juli 2019, 11:00 Uhr

Adriane Beck & Partner GmbH

KOMPLEMENTÄRE ONKOLOGIE

Review von Freuding et al. hält wissenschaftlicher Betrachtung nicht stand

Hamburg – Ein kürzlich publizierter zweiteiliger Review von Freuding et al. kommt zu dem Schluss, dass Mistelpräparate keinen nachweisbaren Patientennutzen hätten. Ärzte verschiedener Fachrichtungen beurteilen diese Publikation im „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“ als Falschdarstellung der vorhandenen Fakten und Belege und haben dies in einem „Letter to the Editors“ formuliert. Mit der kürzlich erfolgten Veröffentlichung dieses „Letter to the Editors“1 hat der Verlag den Einwänden der unterzeichnenden Ärztegruppe Raum gegeben.

Die Fakten in Kürze

Die Misteltherapie wird in der Onkologie seit Jahrzehnten praktiziert und erforscht. Mehr als 140 Studien belegen die Wirksamkeit der Misteltherapie zur Verbesserung der Lebensqualität, der Verträglichkeit konventioneller Tumortherapien und der Verlängerung des Gesamtüberlebens.2 Über 40 dieser Studien sind randomisierte, klinische Studien (RCTs). Die Anerkennung dieser Datenlage spiegelt sich unter anderem in der ersten Leitlinie zur „integrativen Onkologie“ der renommierten American Society of Clinical Oncology (ASCO)3 wider, in der die Misteltherapie gelistet wird.

In dem zweiteiligen Review von Freuding et al. befasst sich eine Jenaer Autorengruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Jutta Hübner mit dem Einfluss von Mistelpräparaten auf das Überleben (Teil 1) und auf die Lebensqualität (Teil 2) von Krebspatienten.4 Der Review hält einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand. Zu kritisieren sind Mängel an Methodik und Art der Schlussfolgerung, die bei einem Review neutral und auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet sein sollen. Als Konsequenz wurde in Form des „Letter to the Editors“1 die Forderung nach gründlicher Überarbeitung oder Rücknahme des Reviews veröffentlicht.

Nicht erfüllt: Cochrane-Kriterien, Neutralität und ethische Verantwortung

Obwohl er diesen Anspruch erhebt, folgt der Review nicht konsequent den Cochrane-Kriterien5, die international als Maßstab für die Bewertung klinischer Studien angesehen werden. Dazu gehören Unabhängigkeit, methodische Genauigkeit und gesicherte Evidenz. Stattdessen sind in der Publikation falsche Zitate und Fehlinterpretationen nachweisbar.

Beispielsweise wird behauptet, die Studien zur Misteltherapie ließen aufgrund der Heterogenität der Patientenkollektive keine Metaanalyse zu, was schlichtweg falsch ist: Eine solche Metaanalyse in Bezug auf das Überleben wurde bereits 2009 veröffentlicht6. Das Ergebnis: ein klarer Überlebensvorteil für die Patienten unter Anwendung von Mistelextrakten.

Darüber hinaus werden 14 Mistelstudien zur Überlebenszeit ausgewertet, wovon 11 eine längere Überlebenszeit der mit Mistelextrakten behandelten Patienten zeigten. Dann aber folgt die unzutreffende Behauptung von Freuding et al., die meisten Studien hätten keine Wirkung der Mistel auf das Überleben gezeigt.

Ein weiteres Beispiel ist, dass bei der Einschätzung des Bias-Risikos (= die Gefahr einer Über- oder Unterschätzung eines tatsächlichen Effektes durch einen systematischen methodischen Fehler) der geprüften Studien das entsprechende Cochrane-Instrumentarium sehr fehlerhaft eingesetzt wurde. Die daraus resultierenden Fehler belegen die Autoren des „Letter to the Editors“ in einer bemerkenswerten Mängelliste.

Irreführung von Ärzten – Patienten sind die Leidtragenden

Aus ärztlicher Sicht ist die Irreführung von Behandlern und Patienten, wie sie vom Freuding-Review hervorgerufen wurde, nicht hinnehmbar. Ein Review erhebt den Anspruch höchster Wissenschaftlichkeit. Darauf sollten Mitglieder des ärztlichen Berufsstandes vertrauen dürfen. Diesem Anspruch hält der Freuding-Review nicht stand.

Die Verfasser des „Letter to the Editors“1

Prof. Dr. Harald Matthes
Prof. Dr. Ralf-Dieter Hofheinz
Prof. Gil Bar-Sela
Dr. Daniel Galun
Prof. Dr. David Martin
Prof. Dr. Roman Huber
Prof. Dr. Jost Langhorst
Prof. Dr. Peter F. Matthiessen (†)
Dr. Friedemann Schad

Literaturquellen:

1. Matthes H et al. Letter to the Editors. J Cancer Res Clin Oncol 2019; online 21. Mai

2. http://www.100jahrezukunft.de/images/Literaturliste.pdf

3. Lyman GH et al. Integrative Therapies During and After Breast Cancer Treatment: ASCO Endorsement of the SIO Clinical Practice Guideline. J Clin Oncol. 2018 Sep 1;36(25):2647-2655

4. Freuding et al. Mistletoe in oncological treatment: a systematic review. J Cancer Res Clin Oncol 2019; 145:695-707 und J Cancer Res Clin Oncol 2019; online 23. Januar

5. Higgins JPT et al., eds. Cochrane Handbook for Systematic Reviews of Interventions, version 5.2.0 (updated June 2017), Cochrane

6. Ostermann T, Raak C, Büssing A. Survival of cancer patients treated with mistletoe extract (Iscador): a systematic literature review. BMC Cancer 2009;9:451