Übersicht / Neue Allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland / Meldung vom 31.07.2008

Donnerstag, 31. Juli 2008, 15:40 Uhr

Neue Allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland

Neue Allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland/ Ausgabe August 2008

Von Arzneimittel-Irrwegen und Krankenkassen-Willkür

Essen – Die Gefährdung des bewährten, sicheren und schnellen Arzneimittelweges durch einige international agierende Pharmakonzerne thematisiert die „Neue Allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland“ in ihrer August-Ausgabe. Obwohl sich der Weg des Arzneimittels vom Hersteller über den pharmazeutischen Großhandel zur Apotheke seit Jahrzehnten als optimales System zur ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten bewährt hat, planen einige Unternehmen dramatische Änderungen der Lieferwege. Warum das letzten Endes nur auf Kosten der Patienten, der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Umwelt möglich ist, können interessierte Leser dem Leitartikel der August-Ausgabe entnehmen.

Klagen von Patienten über mangelnde Leistungen ihrer Krankenversicherung führten zu einer Fülle von Leserbriefen, aus denen die Neue Allgemeine Gesundheitszeitung ein Beispiel zur Veröffentlichung ausgewählt hat: den Fall einer 84jährigen Rentnerin, die trotz hausärztlicher Verordnung keinen elektrischen Wannenlift von der AOK erhält. Und das, obwohl sie nach eigenen Angaben über 40 Jahre hart gearbeitet hat, bereits zwei Hüftoperationen überstehen musste und stark gehbehindert ist. Die Neue Allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland wird weitere Fälle aus dem Leserkreis vorstellen und die Krankenversicherungen zur Stellungnahme auffordern.

Bewährter Arzneimittelweg gefährdet? „DIREKT“ AUF DEN STOLPERPFAD

Schon früh am Morgen herrscht in den Großhandelsbetrieben der NOWEDA eG Apothekergenossenschaft Hochbetrieb. Moderne Automaten unterstützen Mitarbeiter, die Arzneimittel und andere apothekenübliche Waren aus einem Sortiment von weit über 100 000 Produkten in spezielle Transportboxen füllen. Zu Hunderten sausen diese kleinen blauen Wannen über die Fließbänder. Der Fuhrpark des Unternehmens gleicht währenddessen einem Bienenstock. Weiße Lieferfahrzeuge mit der roten Aufschrift „Die Apotheke hilft“ rauschen auf vorbestimmte Plätze und werden unmittelbar mit den Boxen gefüllt. Danach nehmen sie direkt wieder Fahrt auf und beliefern die Apotheken, die viele verschiedene Arzneimittel für ihre Patienten bestellt haben.

So geht es in allen der 14 pharmazeutischen Großhandelsunternehmen zu, die täglich rund 21500 Apotheken in Deutschland anfahren. Denn der Arzneimittelmarkt ist groß. So groß, dass selbst eine Apotheke mit überdurchschnittlich geräumigem Lager nur einen Bruchteil der Arzneimittel bevorraten kann, die in Deutschland verschrieben werden. Die Großhandelsunternehmen ermöglichen mit ihrer Dienstleistung eine sichere, schnelle und umfassende Belieferung, in der Regel innerhalb von zwei bis drei Stunden. Das ist ein Service, der gerade bei Arzneimitteln, deren Einnahme nicht aufgeschoben werden darf – so z. B. Antibiotika bei schweren Infekten oder Arzneimitteln für Kinder – unverzichtbar ist. Das reibungslos funktionierende und jahrzehntelang perfektionierte System wird jedoch neuerdings von einigen Pharmakonzernen in Frage gestellt. Bisher sind es nur wenige, die großes Interesse zeigen, den Weg über den Knotenpunkt Großhandel zu überspringen und Apotheken stattdessen direkt zu beliefern. „Direct to pharmacy“, „direkt in die Apotheke“ heißt das in der Fachsprache, abgekürzt DTP. Die Argumentation der Arzneimittelhersteller ist unverständlich: Durch die Kontrolle des Vertriebsweges solle die Arzneimittelsicherheit verbessert werden, heißt es. Und das, obwohl der Weg von Tabletten, Kapseln und Co. vom Hersteller über den Großhändler zur Apotheke gerade in puncto Sicherheit keine Mängel aufweist. Dabei dürften andere Faktoren, die in der Argumentationsliste keine Erwähnung finden, für die Wirtschaftsunternehmen um ein Vielfaches interessanter sein: Wird der Großhandel übergangen, sparen die Arzneimittelhersteller zum Teil die sogenannte „Großhandelsspanne“ ein, was die eigenen Einnahmen erhöht. Darüber hinaus ist die Sorge groß, dass Arzneimittel demnächst in die USA exportiert werden dürfen. Dort sind die Preise für Medikamente viel höher als bei uns. Für die Konzernriesen würde das mit Umsatz- und Ertragsverlusten einhergehen. Sind die Hersteller aber in Deutschland nicht mehr auf den Großhandel angewiesen, können sie den Weg jeder einzelnen Arzneimittelpackung genau nachverfolgen und verhindern, dass etwas exportiert wird. Grund genug für sie, die direkte Belieferung der Apotheken weiter anzustreben.

Das Interesse einiger Arzneimittelhersteller, vor allen Dingen teure Arzneimittel auch jetzt schon über den Direktvertrieb in die Apotheken zu bringen, stellt den Großhandel vor ein drastisches Problem. Die Belieferung mit niedrigpreisigen Arzneimitteln wird erst durch eine Mischkalkulation möglich. So wollte es ein kluger Gesetzgeber vor mehr als dreißig Jahren. Das bedeutet, dass die hochpreisigen Arzneimittel einen Teil der entstehenden Kosten für die preisgünstigen Medikamente mittragen. Das ist gerecht und solidarisch. Versuchen aber diese Pharmakonzerne, sich aus dieser solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems „herauszuschleichen“, indem sie dem Großhandel diese Produkte entziehen, ist automatisch auch die Distribution der Arzneimittel im Niedrigpreissegment gefährdet. Die laufenden Kosten könnten nur gedeckt werden, indem der Großhandel niedrigpreisige Arzneimittel aus dem Sortiment entfernt oder teurer anbietet. Beides will er nicht. Denn die Kosten, die der Großhandel dann für den Transport der preisgünstigen Medikamente aufschlagen muss, würden letztlich an der ohnehin geschröpften Gesetzlichen Krankenversicherung und am Patienten hängenbleiben. Daran kann niemand ernsthaft interessiert sein.

Auch die Folgen für den Patienten, der sein Medikament dringend benötigt, sind absehbar. Ein Arzneimittel – wie bisher selbstverständlich – nach zwei Stunden abholen zu können, würde in vielen Fällen der Vergangenheit angehören. Patienten wären gezwungen, von Apotheke zu Apotheke zu pendeln oder eine längere Wartezeit in Kauf zu nehmen. „Next day delivery“ nennen das die international arbeitenden Pharmafirmen, zu deutsch „Lieferung am nächsten Tag“, wobei aus dem nächsten Tag nicht selten auch ein übernächster werden kann. Auch Ärzte dürften wenig erfreut darüber sein, wenn sie derartige Verzögerungen in ihre Verschreibungen einkalkulieren müssen. Schon jetzt beklagen Apotheker die stark reduzierte Liefergeschwindigkeit, die der Direktvertrieb unvermeidbar mit sich bringt.

Die Belieferung der Apotheken ohne den schnellen und rationell bündelnden Großhandel, der mit einer einzigen Lieferung viele verschiedene Arzneimittel bringt, hat aber noch weitere gravierende Folgen. Zwar will Deutschland beim Klimaschutz weltweit führend werden, doch bewirken die Pläne dieser Arzneimittelhersteller, ihre Packungen direkt in die Apotheke zu liefern, genau das Gegenteil. Bei vier Millionen kranker Menschen, die pro Tag eine Apotheke aufsuchen, müssten zig Millionen zusätzlicher Liefervorgänge im Jahr stattfinden. Die Zusatzbelastung für die Umwelt lässt sich nur erahnen. Trotz Feinstaubdiskussionen und Klimawandel handelt es sich um einen Punkt, der bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit erregt. Schätzungen des „Zusammenschlusses der Apotheker Europas” zufolge würde sich bei kompletter Umstellung auf das „Direktgeschäft“ die Zahl der Transaktionen zwischen Apotheken und Lieferanten sogar um rund 2000 Prozent erhöhen. Von der Umweltbelastung abgesehen hätte das gerade für kleinere Apothekenbetriebe gravierende Folgen: Der Mehraufwand, der durch Bestellungen, Warenannahmen und andere logistische Aufgaben entstehen würde, wäre für viele dieser Apotheken das Ende. Die deutschen wie die ausländischen Pharmaunternehmen leisten durch ihre Forschung und die Produktion hochwertiger Arzneimittel bemerkenswerte und segensreiche Arbeit, auf die nicht verzichtet werden kann. Und die meisten Arzneimittelhersteller denken nicht daran, die bewährten Lieferwege zu verlassen. Sie wissen, dass Weitsicht, Nachhaltigkeit und Verantwortung keine leeren Schlagworte sind. Bleibt zu hoffen, dass die Verfechter des Direktvertriebs ihre Pläne noch einmal überdenken.

UMWELTVERSCHMUTZUNG Ein Kommentar der Redaktion

Deutschland war einst „die Apotheke der Welt“. Deutsche Pharmahersteller, von Chemikern, Apothekern und Medizinern gegründet, entwickelten viele tausend Arzneimittel, die halfen und linderten und gesund machten. Heute gibt es in Deutschland weit mehr als 100 000 verschiedene Medikamente, die kranken Menschen verschrieben werden oder die sie in ihrer Apotheke kaufen. Diese große Zahl kann keine Apotheke in ihrem Lager haben. Aber der Großhandel hat sie. Er bündelt sie neu und rationell und bringt die vollen Transportwannen zwei- bis dreimal am Tag mit den unterschiedlichsten Arzneimitteln in die Apotheke. Diese Lieferungen müssen sein, damit die Patienten schnell gesund werden. Das wollen einige internationale Pharmahersteller nun ändern. Sie wollen direkt in die Apotheke liefern. Dafür müssen viele Millionen Kilometer im Jahr zusätzlich gefahren werden. Und es wird jede Menge Verpackungsmüll produziert. So ist das Ganze volkswirtschaftlich gesehen ein einziger Unsinn. Denn dabei verlagern diese Firmen die eingesparten Kosten nur auf die Allgemeinheit, weil Luftverschmutzung und Staus auf Autobahnen, Belastung der Innenstädte und Müllprobleme uns alle treffen. Jetzt ist der Gesetzgeber gefordert. Nur er kann den bewährten Weg der geordneten Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln festschreiben. Und er sollte es schnell tun, bevor es zu spät ist.