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„Wenn jeder nur das Beste für sich herausholen will, fährt das System an die Wand“ / Neue Podcast-Folge der DGIV mit Prof. Eckhard Nagel zur Zukunft der Integrierten Versorgung

Pressemitteilung

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e. V. (DGIV) hat eine neue Folge ihres Podcasts „Versorgung integriert!“ veröffentlicht. Nach Episoden zur Sektorentrennung, zu den Gesundheitsfachberufen, zur digitalen Prävention und zur regionalen Versorgung widmet sich die aktuelle Ausgabe den strukturellen Reformblockaden im Gesundheitssystem und den Herausforderungen der laufenden Legislaturperiode.

Gesprächspartner ist Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, Vorstandsvorsitzender der DGIV. Er diskutiert mit dem Geschäftsführenden DGIV-Vorstandsmitglied Dr. Albrecht Kloepfer über die Frage, warum Deutschland trotz zahlreicher Gutachten, Expertenkommissionen und Reformgesetze nicht schnell genug vorankommt.

Prof. Nagel macht im Podcast deutlich, dass sich strukturelle Defizite zunehmend konkret in der Versorgung vor Ort auswirken. Die Brüche in der Versorgung und der Fachkräftemangel seien inzwischen deutlich spürbar – für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Leistungserbringer. Reformverzögerungen seien keine technische Detailfrage, sondern gefährdeten reale Strukturen: „Wir haben an der Stelle nicht wirklich Zeit, Dinge ins nächste oder übernächste Jahr zu verschieben.“

Zentraler Diskussionspunkt ist die Rolle der Selbstverwaltung. Diese sei historisch gewachsen, müsse ihr Selbstverständnis jedoch dahingehend weiterentwickeln, den strukturellen Wandel zu begleiten. Interessenvertretung dürfe nicht in der Sicherung einzelner Besitzstände verharren. „Wenn Interessensvertretung nur das Beste für die eigene Gruppe herausholen will, dann fährt das ganze System an die Wand“, betont Prof. Nagel.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der regionalen Perspektive. Nach Prof. Nagels Einschätzung funktionieren Lösungen dort besser, wo Nähe zur Versorgungsrealität besteht: „Meine Beobachtung ist, dass das regional besser klappt als auf Bundesebene.“ Unterschiedliche Ausgangslagen – Metropolregionen einerseits, ländliche Räume andererseits – erforderten flexible Gestaltungsmöglichkeiten. „Vielmehr muss es darum gehen, so viele Freiheitsgrade für die jeweiligen Regionen zu ermöglichen, dass sie dann auch tatsächlich in der Lage sind, Antworten zu finden.“ Am Beispiel der Lausitz beschreibt Nagel den dort etablierten Innovations- und Netzwerkrat als gemeinsames Steuerungsgremium von Universität, Selbstverwaltung, Krankenhäusern, Kassenärztlicher Vereinigung sowie kommunalen Vertretern – mit dem Ziel, Versorgungsentwicklung verbindlich und abgestimmt voranzubringen.

Auch die bestehenden Finanzierungs- und Anreizstrukturen werden kritisch beleuchtet. Die sektoral getrennten Logiken im SGB V behinderten vielfach integrierte Versorgungsansätze. „Gesundheitsökonomie ist ja keine gottgegebene Struktur. Gesundheitsökonomische Strukturen sind gestaltbar. Wenn wir integrierte Versorgung wollen, müssen wir auch die Anreizsysteme entsprechend ausrichten“, so Prof. Nagel. Der Gesetzgeber müsse Spielräume eröffnen, damit regionale Lösungen nicht an starren Abrechnungsmechanismen scheiterten. Zudem brauche es Reformen, die verlässliche Rahmenbedingungen für regionale Versorgungsmodelle schaffen. Entscheidend seien klare Verordnungen, damit diese Modelle auch praktisch umgesetzt werden – zügig und nicht im Modus kleinteiliger Einzelschritte.

Ein weiterer Akzent liegt auf der stärkeren Integration von Prävention in die Versorgung. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zu Bewegung, Umweltfaktoren oder Früherkennung – machten deutlich, dass Prävention strukturell mitgedacht werden müsse. „Medizinische Entwicklung steht an einer Abbruchkante“, stellt Prof. Nagel fest. Wenn wir das vorhandene Wissen über vermeidbare Erkrankungen nicht in verbindliche Strukturen übersetzen, verspielen wir gesundheitliche und gesellschaftliche Potenziale. Prävention müsse deshalb integraler Bestandteil der Versorgung werden – mit klaren Verantwortlichkeiten, verlässlicher Finanzierung und einer stärkeren Ausrichtung auf Verhältnisprävention anstatt Verhaltensprävention.

Die neue Folge des DGIV-Podcasts „Versorgung integriert!“ ist ab sofort verfügbar unter:
https://dgiv.org/news/dgiv-podcasts/

Die Themen des Podcasts werden beim 22. DGIV-Bundeskongress am 26. März 2026 in Berlin vertieft diskutiert. Weitere Information zum DGIV-Bundeskongress finden Sie unter folgendem Link: https://dgiv.org/veranstaltungen/22. DGIV-Bundeskongress am 26. März 2026 in Berlin