Übersicht / Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft / Meldung vom 28.02.2020

Freitag, 28. Februar 2020, 16:32 Uhr

Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft

Themenspezial: Krebs

Pressemitteilung

World Obesity Day 4. März: Adipositas – schwergewichtiger Krebsrisikofaktor

Heidelberg – Der „World Obesity Day" am 4. März macht auf das weltweit verbreitete Problem des schweren Übergewichts aufmerksam. Angesichts des Aktionstags betonen Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum die Bedeutung von Übergewicht für das Risiko, an Krebs zu erkranken. Übergewicht und insbesondere Fettleibigkeit sowie die damit einhergehenden Stoffwechselstörungen sind ernstzunehmende Risikofaktoren bei einer Vielzahl an Krebserkrankungen. Vor allem die zunehmende Fettleibigkeit in der frühen Kindheit erfordert dringend präventive Maßnahmen.

Viele Menschen reduzieren die negativen Auswirkungen von starkem Übergewicht auf rein ästhetische oder modische Gesichtspunkte. Die damit einhergehenden schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen werden oft wenig ernstgenommen. Dass Fettleibigkeit, medizinisch „Adipositas" genannt, außerdem ein nicht zu unterschätzender Krebsrisikofaktor ist, ist oft nicht mal bekannt. In einer vielbeachteten Studie* haben DKFZ-Epidemiologen um Ute Mons und Hermann Brenner 2018 berechnet, wie viele Krebsfälle in Deutschland tatsächlich auf die einzelnen Risikofaktoren zurückzuführen sind. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass allein 6,9 Prozent der Krebsneuerkrankungen auf das Konto des Übergewichts gehen. Das bedeutet, dass jedes Jahr etwa 30.000 Deutsche bedingt durch ihr Übergewicht an Krebs erkranken.

Brustkrebs nach den Wechseljahren, Darm- und Enddarmkrebs, Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom), Speiseröhrenkrebs und Nierenzellkrebs treten bei fettleibigen Menschen erheblich häufiger auf als bei Normalgewichtigen, wie die Experten der internationalen Krebsforschungsagentur in Lyon (IARC) 2016 veröffentlicht haben**. Außerdem erkranken adipöse Menschen häufiger an Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs, an Eierstockkrebs oder an einem Multiplen Myelom. Die Studiendaten weisen auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko. Allerdings spielt das Übergewicht nicht bei allen Krebsarten die gleiche Rolle: Bei Gebärmutter- und Nierenkrebs oder bei Adenokarzinomen der Speiseröhre ist fast die Hälfte aller Fälle durch Adipositas bedingt.

Rudolf Kaaks, ebenfalls Epidemiologe am DKFZ, gibt außerdem zu bedenken: „Insbesondere das viszerale Fett, also das ungesunde Bauchfett, ist der Krebstreiber, nicht so sehr die Fettpölsterchen an Po und Beinen. Deshalb haben oftmals auch Personen, die eigentlich als schlank durchgehen, ein erhöhtes Krebsrisiko, ohne etwas davon zu ahnen."

Besonders besorgt die Experten, dass der Risikofaktor Adipositas seinen Ursprung oft bereits in der frühen Kindheit hat: „Es ist zu erwarten, dass 2022 weltweit mehr adipöse als untergewichtige 5- bis 19-Jährige leben werden. Innerhalb von nur 40 Jahren, zwischen 1975 und 2016, ist die Rate fettleibiger Kinder von unter einem Prozent auf annähernd sechs Prozent bei Mädchen sowie fast acht Prozent bei Jungen gestiegen", sagt Hermann Brenner und bezieht sich auf eine internationale Untersuchung***, an der er beteiligt war. So haben sich Kinder und Heranwachsende in vielen Teilen der Welt sehr schnell von der untergewichtigsten zur übergewichtigsten Bevölkerungsgruppe entwickelt. Die Autoren gehen davon aus, dass dies vor allem mit dem Konsum von Lebensmitteln mit hoher Energiedichte zusammenhängt, etwa stark verarbeiteten Kohlenhydraten.

Hier sieht Brenner erheblichen Handlungsbedarf für die Politik: „Präventiven Maßnahmen sollte höchste Priorität eingeräumt werden. So könnten eine einfache Kennzeichnung der Lebensmittel und eine gesundheitsförderliche Preispolitik, etwa durch gestaffelte Mehrwertsteuersätze, wichtige Anreize für eine gesunde Ernährung in der Familie liefern. Auch das schulische Umfeld sollte dringend ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung fördern."

„Zu den biologischen Vermittlern dafür, dass Übergewicht Krebs fördert, zählen beispielsweise Sexualhormone und Entzündungsbotenstoffe, die vom Fettgewebe produziert werden", erklärt Mathias Heikenwälder, Stoffwechselforscher am DKFZ. Dass Entzündungen ein Krebsbeschleuniger sind, weiß man heute sehr gut. Sexualhormone wirken auf viele Zellen als Wachstumsfaktoren, die das Krebswachstum antreiben. Bei Übergewichtigen finden sich darüber hinaus erhöhte Mengen des Wachstumsfaktors IGF („Insulin like growth factor"), der ebenfalls das Zellwachstum antreibt.

„Es ist schwer, dauerhaft abzunehmen", resümiert Rudolf Kaaks. „Mein persönlicher Tipp ist daher: Achten Sie darauf, dass sich die Pfunde gar nicht erst ansammeln. Achten Sie auch schon bei Ihren Kindern darauf. Das ist ein sinnvoller Beitrag zur Krebsprävention!"

# Bei Erwachsenen sprechen Wissenschaftler ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 von Adipositas (Fettleibigkeit). Der BMI berechnet sich: Körpergewicht [kg] dividiert durch Körpergröße [m] im Quadrat.

*Gundula Behrens, Thomas Gredner, Christian Stock, Michael F. Leitzmann, Hermann Brenner, Ute Mons: Krebs durch Übergewicht, geringe körperliche Aktivität und ungesunde Ernährung. Schätzung der attributablen Krebslast in Deutschland.
Deutsches Ärzteblatt 2018,
DOI: 10.3238/arztebl.2018.0578

** Lauby-Secretan B, Scoccianti C, Loomis D, Grosse Y, Bianchini F, Straif K; International Agency for Research on Cancer Handbook Working Group: Body Fatness and Cancer - Viewpoint of the IARC Working Group.
New England Journal of Medicine 2016,
DOI: 10.1056/NEJMsr1606602

*** James Bentham et al.: Worldwide trends in body-mass index, underweight, overweight, and obesity from 1975 to 2016: a pooled analysis of 2416 population-based measurement studies in 128·9 million children, adolescents, and adults - by NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC)
The Lancet 2017,
DOI: 10.1016/S0140-6736(17)32129-3

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.