Übersicht / WHO-Regionalbüro für Europa / Meldung vom 09.09.2011

Freitag, 09. September 2011, 09:50 Uhr

WHO-Regionalbüro für Europa

53 Länder der Europäischen Region legen Schwerpunkte auf tödliche Krankheiten und Bevölkerungsgesundheit:

Die Zukunft der Gesundheit und Erfolgsrezepte für den Kampf gegen die Krankheiten

Baku – Die Bevölkerungsgesundheit ist eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse. Das WHO-Regionalbüro für Europa hat im Vorfeld der Tagung des beschlussfassenden Organs der WHO in der Europäischen Region, die vom 12. bis 15. September 2011 in Baku (Aserbaidschan) stattfindet, zu jedem Sachthema auf der Tagesordnung breit angelegte Konsultationen mit Experten, Vertretern von Mitgliedstaaten, Zivilgesellschaft und Partnerorganisationen sowie der Internet-Gemeinschaft geführt. Die Gesundheitsminister und anderen Entscheidungsträger, die an der 61. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa als Vertreter der 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region teilnehmen, sind aufgefordert, insgesamt fünf innovative Aktionspläne zur Bekämpfung von Gesundheitsproblemen anzunehmen, die wesentlich zur Krankheitslast in der Region beitragen, und unter dem Schlagwort „Gesundheit 2020“ über eine neue Gesundheitspolitik für die Europäische Region zu beraten, mit der die Gesundheitssituation in allen Ländern verbessert werden kann. In dieser neuen Politik wird das Recht aller Menschen in der Region auf Gesundheit unterstrichen, wobei die letztendliche Verantwortung bei Gesellschaft und Staat liegt.

„Gesundheit 2020 bietet der Europäischen Region eine neue Zukunftsvision für mehr Gesundheit und Wohlbefinden – nämlich, dass es allen Bürgern möglich sein sollte, ihr gesundheitliches Potenzial voll auszuschöpfen“, sagte Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. „Gesundheit ist eine entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche und wohlhabende Gesellschaft. Mit ,Gesundheit 2020‘ kann diese Herausforderung bewältigt werden, indem neue Formen der Politikgestaltung und Organisation zur Verbesserung der Gesundheitssituation ins Spiel gebracht und Hindernisse für die Gesundheit abgebaut werden. So wird der Europäischen Region der Weg zu mehr Gesundheit, Wohlstand und Chancengleichheit gewiesen.“

Die fünf Aktionspläne betreffen folgende Bereiche: nichtübertragbare Krankheiten; Alkohol; HIV/Aids; medikamentenresistente Tuberkulose; Antibiotikaresistenz. Diese fünf Bereiche sind für einen Großteil der Krankheitslast in der Europäischen Region verantwortlich bzw. stellen eine wachsende Bedrohung dar.

„Wir sind uns im Klaren darüber, dass die Länder zwar ein Optimum an Gesundheit für ihre Bürger verwirklichen wollen, dabei aber gleichzeitig auch ein hohes Maß an Effizienz anstreben“, sagte Zsuzsanna Jakab. „Wir sammeln die Evidenz, wir achten auf die Bedürfnisse der Länder, und wir führen Konsultationen. Die zu beratenden Aktionspläne bieten Lösungen, die evidenzbasiert und kosteneffizient sind und sich in die erneuten Anstrengungen der Gesundheitssysteme auf dem Gebiet der Bevölkerungsgesundheit einfügen. So können wir die häufigsten tödlichen Krankheiten in unserer Region ins Visier nehmen.“

Nichtübertragbare Krankheiten

Nichtübertragbare Krankheiten, zu denen Krebs, Herzerkrankungen, chronische Lungenerkrankungen und Diabetes gehören, sind für gut 86% aller Todesfälle und 77% der Krankheitslast in der Europäischen Region der WHO verantwortlich, aber auch für einen erheblichen Teil der zunehmenden gesundheitlichen Ungleichheiten, die innerhalb von wie auch zwischen den Ländern beobachtet werden. Auf dem Regionalkomitee werden die Länder über eine Vielzahl an soliden und kosteneffizienten Maßnahmen diskutieren, die teilweise nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch den Regierungen zugute kommen. Der Aktionsplan zur Umsetzung der Europäischen Strategie zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten (2012–2016) enthält eine ausführliche Darstellung der Determinanten von nichtübertragbaren Krankheiten sowie ihrer Folgen für die Gesellschaft, aber auch eine Erläuterung der vorrangigen Interventionen, die selbst in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten Wirkung entfalten können. Diese Diskussion auf Ebene der Region schließt sich an die intensiven Beratungen auf der ersten globalen Ministerkonferenz über gesunde Lebensführung und nichtübertragbare Krankheiten (Moskau, 28.–29. April 2011) an und steht im Vorfeld der Tagung auf hoher Ebene der Generalversammlung der Vereinten Nationen über die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten am 19. und 20. September.

Alkohol

Die Europäische Region ist von allen WHO-Regionen weltweit diejenige mit dem höchsten Alkoholkonsum. Über 20% der Erwachsenen trinken zumindest gelegentlich bis zum Rausch. Auch wenn es beim Konsum beträchtliche Unterschiede zwischen den Ländern gibt, so beträgt doch der Durchschnitt 9,24 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Der Europäische Aktionsplan zur Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums (2012–2020) gibt einen umfassenden Überblick über die Problematik und zeigt eine Reihe von Grundsatzoptionen auf, die nachweislich das Ausmaß der alkoholbedingten Schäden reduzieren, wie etwa gezielte Maßnahmen gegen Alkohol am Steuer und Maßnahmen zur Regulierung von Preisgestaltung, Marketing und Verfügbarkeit.

HIV/Aids

Der Europäische Aktionsplan HIV/Aids (2012–2015) profitiert von einem wachsenden Interesse an der Unterbindung der Ausbreitung von HIV/Aids und einem zunehmenden Engagement auf diesem Gebiet. Auch wenn insgesamt weltweit die Zahl der Neuinfektionen mit HIV rückläufig ist, so hat sich doch in Osteuropa und Zentralasien die Zahl der mit HIV lebenden Menschen seit dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht, so dass diese Teilregion eine der weltweit am schnellsten wachsenden HIV-Epidemien aufweist. Es muss nun vorrangig angestrebt werden, neue HIV-Infektionen zu verhindern und für besonders gefährdete Gruppen, deren Menschenrechte nur allzu häufig missachtet werden, den Zugang zu Angeboten im Bereich HIV zu verbessern. Im vergangenen Sommer veröffentlichte Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass im Bereich „Behandlung als Prävention“ ein Durchbruch gelungen ist, der den Ländern dabei helfen wird, das Ziel einer Halbierung der Neuinfektionen bis 2015 zu erreichen.

Tuberkulose

Der vom Regionalbüro ausgearbeitete Konsolidierte Aktionsplan für die Prävention und Bekämpfung von multiresistenter und extensiv resistenter Tuberkulose in der Europäischen Region der WHO (2011–2015) dient der Stärkung und Intensivierung der Anstrengungen zur Bekämpfung der besorgniserregenden Ausbreitung der medikamentenresistenten Tuberkulose in der Europäischen Region. Auch wenn die Tuberkulose eine Krankheit mit einer langen Geschichte ist, so breiten sich die multiresistenten und extensiv resistenten Formen der Tuberkulose (MDR- bzw. XDR-Tb) doch mit besorgniserregender Geschwindigkeit aus. Schuld daran sind Defizite bei der Behandlung und unzureichende Atemschutzmaßnahmen. XDR-Tb ist extrem schwer zu behandeln, und die gemeldeten Raten für Behandlungsmisserfolg in den Ländern Westeuropas sind hoch. In den übrigen Ländern der Region stehen Diagnose- und Empfindlichkeitstests nur äußerst begrenzt zur Verfügung, so dass kein repräsentatives Gesamtbild möglich ist; doch stiegen die offiziell gemeldeten XDR-Tb-Fallzahlen zwischen 2008 und 2009 um mehr als das Sechsfache. Der Konsolidierte Aktionsplan mit seiner Schwerpunktlegung auf sieben Handlungsfelder könnte bei konsequenter Umsetzung in der Europäischen Region dazu führen, dass 120 000 Menschenleben gerettet und 5 Mrd. US-$ eingespart werden.

Antibiotikaresistenz

Die Gesundheit der Menschen in der Europäischen Region wird durch ein sich ausbreitendes Phänomen bedroht: Bakterien, die häufig vorkommende, lebensbedrohliche Infektionen verursachen, entwickeln zunehmend Resistenzen gegen Antibiotika, die zu ihrer Behandlung verwendet werden. Dies ist auf den weit verbreiteten Einsatz von Antibiotika bzw. ihren unsachgemäßen Gebrauch bei Menschen und Tieren zurückzuführen. Wenn keine wirksamen neuen Antibiotika gefunden werden und sich die Resistenzen weiter ausbreiten, droht der Gesellschaft eine Rückkehr zu Verhältnissen, wie sie vor der Entdeckung der Antibiotika herrschten, als Kinder oft an einer einfachen Lungenentzündung starben und Ärzte gegen Meningitis machtlos waren. Der Strategische Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen zielt darauf ab, die durch Antibiotikaresistenz bedingte Morbidität und Mortalität zu senken und eine umsichtige Verwendung von Antibiotika zu fördern. Auf diesem Gebiet herrscht dringender Handlungsbedarf, sonst könnte es bald zu spät sein.