Mehr Reichweite im Gesundheitsmarkt

Schließen

Registrierung

Melden Sie sich noch heute an, um gezielt und effektiv Ihre Nachrichten in der Gesundheitsbranche verbreiten zu können.

Kontoinformationen

Ansprechpartner:in

Adresse

Kontakt

Es wurde eine E-Mail zur Bestätigung an Sie gesendet. Nach der Bestätigung sind Sie erfolgreich registriert.


„Als Fußgängerin hätte ich nie ein Grand-Slam-Turnier gespielt“
Sabine Ellerbrock

„Als Fußgängerin hätte ich nie ein Grand-Slam-Turnier gespielt“

Pressemitteilung

Frechen – Zwei Grand-Slam-Siege, Nummer 1 der Weltrangliste und Teilnehmerin an den Paralympics 2012 in London – Sabine Ellerbrock gehört zur Weltspitze im Rollstuhltennis. Unlängst gewann sie die French Open, nun will sie in Wimbledon abräumen. Im Interview spricht die 38-jährige über die sportlichen und persönlichen Herausforderungen, die der Wechsel von Fußgänger- auf Rollstuhltennis mit sich brachte. Sie ist jedoch überzeugt: „Ich lebe jetzt glücklicher als vorher.“

Frau Ellerbrock, bis 2007 haben Sie hochklassig Tennis gespielt, sogar in der Bundesliga wurden Sie eingesetzt. Durch eine Erkrankung haben Sie eine Behinderung am Bein erworben und kamen so zum Rollstuhltennis – wie groß war die Umstellung? Das Hauptproblem waren die Fahrtwege im Rollstuhl, denn diese sind komplett anders als die Laufwege beim Fußgängertennis. Während man sich dort zur Mitte orientiert, muss ich im Rollstuhl nach jedem Schlag nach hinten rausfahren und mit Treffpunkt beim Gegner entscheiden, in welche Richtung ich mich drehe. Beim Rollstuhltennis muss man viel mehr improvisieren und das Spiel ist extrem abhängig von der Reaktionsfähigkeit. Deshalb gehört das Fahren auch nach wie vor zu meinen Trainingsschwerpunkten.

Was war es für ein Gefühl, trotz der Behinderung wieder spielen zu können?
Natürlich war es schön und ich habe seitdem viel Spaß daran. Gerade am Anfang war jedoch auch ein gewisses Frustpotential gegeben, da ich am Anfang eher Standtennis gespielt und Bälle nicht erreicht habe, die einen halben Meter von mir entfernt aufkamen. Ich musste deshalb erst einmal die alten Bilder aus dem Kopf bekommen. Rollstuhltennis ist anders, aber dennoch nicht weniger interessant für mich – im Gegenteil: Durch das dritte Sportgerät ist es faszinierend und abwechslungsreicher – auch bezüglich des Trainings.

Inzwischen haben Sie sich mit Ihrer Situation aber arrangiert?
Letztlich hat man nur zwei Möglichkeiten: Ich könnte die ganze Zeit darüber sinnieren, was alles nicht mehr geht oder ich schaue, was für Optionen ich neu gewonnen habe. Als Fußgängerin hätte ich mit Sicherheit kein Grand-Slam-Turnier gespielt. Diese Dinge muss man in den Vordergrund stellen. Ich komme über den Sport immer wieder mit Leuten in Kontakt, die es noch wesentlich heftiger getroffen hat und die sehr positiv damit umgehen. Dadurch habe auch ich eine neue Perspektive gewonnen und lebe jetzt glücklicher als vorher.

Inwiefern glücklicher – aufgrund der sportlichen Erfolge?
Nein, das ist viel grundsätzlicher. Ich lebe wesentlich bewusster und weiß Kleinigkeiten wieder zu schätzen. Früher habe ich, wie die meisten Menschen, vieles als selbstverständlich erachtet, bin mit Scheuklappen durchs Leben gelaufen und hatte verlernt, zu genießen. Durch die Auszeit wurde ich jedoch gezwungen, mein bisheriges Leben zu reflektieren. Dabei zu merken, dass ich auf eine gewisse Art und Weise dadurch Lebenszeit verschwendet habe, war nicht einfach, aber letztlich kann man die Zeit nicht zurückdrehen.

Gibt es ein Erlebnis, welches Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Die Paralympics in London. Zwar habe ich nicht die gewünschte Medaille gewonnen, aber die Treffen im Olympischen Dorf und die Eröffnungszeremonie mit dem Anzünden der Flamme und dem Einzug in dieses riesige Stadion waren sehr emotionale Momente. Ansonsten sind natürlich auch die beiden Grand-Slam-Titel für mich unvergessen, weil ich mit beiden nicht gerechnet hätte. Die Voraussetzungen waren nicht gut, aber vielleicht hat mich genau das entspannter auftreten lassen. Sonst setzt man sich bei Grand-Slam-Turnieren schon mehr unter Druck, weil sie für uns die größte Plattform für eine breitere öffentliche Wahrnehmung sind.

Würden Sie sich generell mehr Aufmerksamkeit wünschen?
Es würde schon helfen, wenn man als eine Spielerin unter den Top Five der eltrangliste nicht darum kämpfen müsste, sein Leben finanziert zu bekommen. Dadurch, dass wir eine relativ unbekannte Sportart sind, ist es schwer, Sponsoren zu finden. Ich verzichte für die Karriere auf vieles und muss pro Jahr ca. 45.000 Euro – allein für den Sport – finanzieren. Ich bin neben den Geldern der Sporthilfe, meinen Einnahmen aus meinem Job als Lehrerin und privater Sponsoren zusätzlich auf die Preisgelder angewiesen. Spiele ich aber keine gute Saison, oder verletze ich mich, wird es eng. Und man bedenke: Ich stehe weiter oben in der Weltrangliste – was machen erst diejenigen, die auf Platz 20, 30 oder 40 stehen?

Haben Sie diese Unsicherheit im Hinterkopf?
Während der Qualifikation und Vorbereitung auf London habe ich teilweise wirklich Existenzängste gehabt, weil ich dafür zwei Jahre unbezahlten Urlaub nehmen musste. Ich wusste nie, was im Monat reinkommt. Das ist bei meiner Konkurrenz anders, da könnte man manchmal neidisch werden. In anderen Nationen ist Rollstuhltennis bereits so angegliedert an die Fußgänger, dass die nationalen Meisterschaften gemeinsam ausgetragen werden. Unsere Deutschen
Meisterschaften wurden zuletzt praktisch abseits jeglicher Öffentlichkeit gespielt, zum Teil auf Plätzen, die eine Frechheit waren. Ich weiß, wie schwer es ist, solch ein Event zu organisieren, aber wenn die Sportart in Deutschland eine Chance haben soll, dann ist auch hier ein Umdenken erforderlich. Ich denke, die Anfänge dafür sind aber gemacht.

Fühlen Sie sich in Deutschland als Leistungssportlerin anerkannt?
Leute, die Rollstuhltennis noch nie gesehen haben, nehmen uns in der Regel nicht als Leistungssportler wahr. Die meisten glauben, wir reisen ein bisschen durch die Weltgeschichte, schlagen ein paar Bälle und machen uns einen lauen Lenz. Nur wer mehr Einblick hat, erkennt die geforderten Fähigkeiten und registriert den immensen Aufwand. Allerdings sind dann die Reaktionen auch meistens sehr positiv – ich glaube das Hauptproblem ist in vielen Fällen, dass sich viele nichts unter der Sportart vorstellen können.

Welche Ziele haben Sie für die nächsten Monate? Wimbledon steht an …
Ich wollte einmal auf dem ersten Platz der Weltranglsite stehen und ein Grand-Slam-Turnier gewinnen – das habe ich beides bereits geschafft. Es wäre natürlich schön, die fehlenden Grand-Slam-Titel – darunter auch Wimbledon – einmal zu holen und wieder oben zu stehen. Ich glaube jedoch, dass ich noch etwa ein Jahr brauche, um mein Potenzial – gerade im fahrtechnischen – ausgeschöpft zu haben. Daher ist auch Rio 2016 mein großes Ziel, bei dem ich gerne die in 2012 verpasste Medaille nachholen will. Danach wird sich zeigen, inwieweit mein Alter Einfluss nimmt und ob ich gesund bleibe, um weiter auf dem Niveau spielen zu können.

Neuigkeiten rund um die Paralympische Mannschaft gibt es unter www.deutsche-paralympische-mannschaft.de, auf der Facebook-Seite www.facebook.com/DeutscherBehindertensportverband und auf unserem Twitter-Kanal www.twitter.com/DBS_NPC.