- BBMV-Vorsitzende Sibylle Stauch-Eckmann: „Finanzielle Stabilität darf nicht zum Bremsklotz des Strukturwandels werden.“
- Vertreter:innen aus Politik, Selbstverwaltung, Wissenschaft und Versorgung diskutieren auf Panel zentrale Fragen zur Finanzierung und Organisation
- DAK-Vorstandschef Andreas Storm: „Größte Finanzkrise in der GKV”
Berlin – Beim Versorgungstag des Bundesverbandes der Betreiber medizinischer Versorgungszentren e.V. (BBMV) diskutierten am 15. April 2026 in Berlin Vertreter:innen aus Politik, Gesundheitswesen und Wissenschaft über die Zukunft der ambulanten Versorgung in Deutschland. Rund 60 Teilnehmende kamen auf Einladung des BBMV im Haus der Bundespressekonferenz zusammen, um zentrale Fragen der Ambulantisierung zu erörtern.
Stauch-Eckmann: Finanzielle Stabilität darf nicht zum Bremsklotz des Strukturwandels werden
Die medizinische Versorgung in Deutschland befinde sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, erklärte Sibylle Stauch-Eckmann, Vorsitzende des BBMV, getrieben durch demografischen Wandel, medizinisch-technischen Fortschritt und strukturelle Engpässe auf der Angebotsseite. „Für die politisch gewünschte Ambulantisierung benötigen wir eine Stärkung der ambulanten Strukturen“, so Stauch-Eckmann. „Medizinische Versorgungszentren können hier eine zentrale Rolle spielen, da sie durch ihre Struktur sektorenübergreifende Versorgung ermöglichen und zugleich durch Größe und Organisation Vorteile bei Koordination, Digitalisierung und effizienten Prozessen bieten.“
Vor dem Hintergrund der Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit zur Stabilisierung der GKV-Beitragssätze formulierte Stauch-Eckmann eine klare Warnung: „Finanzielle Stabilität ist notwendig, sie darf jedoch nicht zum Bremsklotz des Strukturwandels werden.” Eine Begrenzung der Vergütungsanstiege stünden im Widerspruch zum politischen Wunsch der Ambulantisierung. Wer Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich verlagern wolle, müsse Investitionen in Infrastruktur, Medizintechnik und Digitalisierung ermöglichen.
Die BBMV-Vorsitzende stellte drei zentrale Punkte heraus: Erstens betonte sie, dass eine erfolgreiche Ambulantisierung nur auf Basis eines sektorübergreifenden Masterplans möglich sei. Derzeit dominierten jedoch zahlreiche Einzelmaßnahmen und Reformansätze, während eine übergreifende Koordination fehle. Zweitens hob sie hervor, dass die ambulante Versorgung insbesondere durch die Weiterentwicklung bestehender Modelle gestärkt werden müsse. Drittens unterstrich sie die grundlegende Bedeutung der Digitalisierung: Sie sei keine optionale Ergänzung, sondern bilde die essenzielle Infrastruktur für den künftigen Strukturwandel.
Beivers: Etwa 60 Prozent der untersuchten Krankenhausfälle ambulant leistbar
Eine gesundheitsökonomische Einordnung lieferte Prof. Dr. Andreas Beivers, Studiendekan für Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius. Er verwies auf eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zu Ambulantisierungspotentialen, wonach etwa 60 Prozent der untersuchten Fälle auch ambulant hätten erbracht werden können. „Diese Ambulantisierungspotenziale sind keine Umsetzungszahlen, sondern Orientierungsräume”, so Beivers. Ambulantisierung funktioniere nur mit einer leistungsfähigen ambulanten Versorgung, Investitionen in stationsersetzende Strukturen, einer starken Primärversorgung, tragfähigen Pflege-Strukturen und einer koordinierten Notfallversorgung. „Ohne den parallelen Ausbau dieser Maßnahmen ist keine Entlastung möglich – im Gegenteil: Die Versorgungsrisiken steigen.”
Paneldiskussion: Borchardt, Storm, Schütz, Beivers und Stauch-Eckmann zur Finanzierung des Strukturwandels
An der anschließenden Paneldiskussion unter Moderation von Rebecca Beerheide, Leiterin der Politischen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts, beteiligten sich Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, Joachim Schütz, Hauptgeschäftsführer und Justiziar des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands e. V., Simone Borchardt, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Andreas Beivers sowie Sibylle Stauch-Eckmann.
Andreas Storm unterstrich den Ernst der Lage: „Wir erleben derzeit die größte Finanzkrise in der GKV. Daher brauchen wir ein System, das ganzheitlich im Sinne der Versorgung des Patienten reformiert wird“. „Dazu gehört, dass wir sektorenübergreifend tätig werden und unsere Mauern durchlässiger gestalten, um so alle Akteure in den Strukturwandel einbinden zu können. Nur so kann die Finanzierung und Organisation der Ambulantisierung gelingen.“
Joachim Schütz verwies auf die Gleichzeitigkeit der Reformprozesse als zentrale Herausforderung: „Die angeschobenen, einzelnen Reformen im Gesundheitsbereich brauchen nicht nur einen zeitlichen Vorlauf, sondern auch Investitionen und Akteure, die es umsetzen. All das erfolgt gleichzeitig und ist eine Gradwanderung. Wir müssen es schaffen, dass sich diese einzelnen Maßnahmen nicht gegenseitig blockieren.“
Simone Borchardt, die direkt aus der Sitzung des Gesundheitsausschusses zur Paneldiskussion dazustieß, betonte die Notwendigkeit von Reformen im Gesundheitsbereich, wozu auch die Ambulantisierung gehöre. Die Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit seien unter sozioökonomischen Gesichtspunkten richtig, müssten aber modifiziert und machbar umgesetzt werden. „Unser Anspruch ist es, mit den Praktikern nun ins Gespräch zu gehen, um die Reformen gut und an der Realität ausgerichtet umzusetzen”, so Borchardt.
Über den BBMV
Als Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren e.V. setzen wir uns für eine breite Trägervielfalt und die bestmögliche Versorgungsqualität für Patientinnen und Patienten im ambulanten Gesundheitssektor ein. Unsere Mitglieder betreiben bundesweit Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und tragen flächendeckend zur haus- und fachärztlichen Versorgung bei. Dabei vertreten wir die gemeinsamen Interessen unserer Mitglieder gegenüber Politik, Selbstverwaltung und Öffentlichkeit. Unser Wirken folgt den Grundsätzen der Offenheit, Transparenz, Fairness und Integrität.
