Berlin – Die eurocom fordert mit den anderen Hilfsmittelverbänden in einem gemeinsamem Positionspapier die Bundesregierung nachdrücklich dazu auf, Pläne zur Wiedereinführung von Ausschreibungen zu stoppen. Eine Rückkehr zu diesem gescheiterten System bringt keinen echten Spareffekt, gefährdet die Patientenversorgung, bremst den medizinischen Fortschritt und zerstört bewährte Versorgungsstrukturen vor Ort. Bereits vor ihrer gesetzlichen Abschaffung im Jahr 2019 haben Ausschreibungen gezeigt, dass ein reiner Preiswettbewerb zulasten der Qualität geht. Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen, Einlagen oder Kompressionsstrümpfe sind keine standardisierten Massenwaren. Sie erfordern eine hohe Beratungsintensität, individuelle Anpassung, Schulung und eine kontinuierliche fachliche Begleitung.
eurocom-Geschäftsführerin Oda Hagemeier erklärt: „Wer Hilfsmittelversorgung rein auf den niedrigsten Vertragspreis reduziert, blendet nicht nur die Folgen für die Gesamtkosten aus, sondern verkennt vor allem die Lebensrealität von Millionen chronisch kranken und pflegebedürftigen Menschen. Einbußen bei der Versorgungsqualität, der Verlust des vertrauten Leistungserbringers und Einschränkungen der Wahlfreiheit wären die unmittelbaren Auswirkungen. Eine zukunftsfähige und verlässliche Hilfsmittelversorgung braucht Qualität, Therapiesicherheit, Wahlfreiheit und starke ambulante Strukturen – und keine Rückkehr zu den Fehlern der Vergangenheit.“
Aus Sicht der eurocom birgt die geplante Wiedereinführung insbesondere folgende Gefahren:
- Innovationsstopp und technischer Rückschritt: Preisgetriebene Ausschreibungen führen dazu, dass innovative und technisch fortschrittliche Hilfsmittel aufgrund zu niedriger Vergütungen nicht mehr wirtschaftlich angeboten werden können. Patienten wird damit der Zugang zum medizinisch-technischen Fortschritt verwehrt – ein klarer Widerspruch zum gesetzlichen Auftrag des SGB V.
- Zerschlagung des Mittelstandes: Der enorme Preisdruck drängt spezialisierte, oft kleinere und regionale Sanitätshäuser und Leistungserbringer aus dem Markt. Es droht eine Monopolisierung durch wenige Großanbieter, was zu längeren Wegen für Patienten, Lieferengpässen und dem Verlust von Fachkompetenz in der Fläche führt.
- Langfristige Folgekosten statt echter Ersparnis: Das Kostenargument der Politik greift zu kurz. Vertragspreise sind seit dem Ausschreibungsverbot stabil geblieben; steigende Ausgaben basieren rein auf der Demografie. Minderwertige Versorgungen oder fehlende Betreuung durch den extremen Preisdruck verursachen Folgeprobleme bis hin zu zusätzlicher Pflegebedürftigkeit. Diese Folgekosten müssen am Ende von den Versicherten und dem gesamten Gesundheitssystem getragen werden.
Außerdem haben Ausschreibungen nicht den intendierten Einspareffekt erzielt. Dies hat der Bundesrechnungshof schon vor 2019 festgestellt, und auch die FinanzKommission Gesundheit hat den Spareffekt in ihrem Bericht vom März 2026 als unsicher bezeichnet.
Historische Fehler dürfen sich nicht wiederholen
Die Erfahrungen vor dem Ausschreibungsverbot von 2019 haben gezeigt, dass preisgetriebene Vergaben die Wahlfreiheit der Patienten einschränken und zu gravierenden Qualitätsverlusten führen – insbesondere in sensiblen Bereichen wie der Inkontinenz- oder Stoma-Versorgung. Der Gesetzgeber hatte die Ausschreibungen damals folgerichtig abgeschafft, weil der erhoffte Qualitätswettbewerb ausblieb. „Der individuelle Bedarf der Versicherten muss über die Auswahl und Ausgestaltung der Versorgung entscheiden – nicht der billigste Preis“, so Hagemeier.
Das Kostenargument greift zu kurz
Besonders kritisch bewertet die eurocom, dass der ohnehin im Beitragssatzstabilisierungsgesetz verankerte pauschale Abschlag von 3 Prozent für die Jahre 2027 und 2028 die Branche bereits massiv belastet. Zudem deckelt die Bindung der Vertragspreise an die Grundlohnsummenentwicklung die Kostensteigerungen im Hilfsmittelbereich. Darauf nun auch noch einen fehleranfälligen Ausschreibungsmechanismus aufzusatteln, ist verantwortungslos. Das Argument der Beitragssatzstabilität weist die eurocom auch insofern entschieden zurück, als die Vertragspreise im Hilfsmittelbereich seit 2019 stabil geblieben oder gesunken sind. Steigende Ausgaben der Krankenkassen sind auf den demografischen Wandel und höhere Fallzahlen zurückzuführen. Schlechte Qualität durch Dumpingpreise führt nachweislich zu medizinischen Folgekomplikationen, deren Behandlung das Gesundheitssystem schlussendlich um ein Vielfaches teurer zu stehen kommt als die vermeintliche Ersparnis beim Einkauf.
Hagemeier betont: „Bundesregierung und Bundestag würden mit erneuten Ausschreibungen einen Vertrauensverlust verursachen. Es wurde aktiv kommuniziert, dass insbesondere der 3%ige Abschlag und die erweiterten Festbeträge dazu dienen, Ausschreibungen zu vermeiden. Die Wiedereinführung würde das Vertrauen in klare Ansagen verspielen. Außerdem hatte die große Koalition von Union und SPD in 2019 gute Gründe, dieses Instrument aus dem Gesetz zu streichen. Dies nun wieder umzudrehen, geschähe gegen Logik und Vernunft. Die Vertragspartner der Versorgungsverträge, Krankenkassen und Leistungserbringer, haben gute Wege gefunden, eine wirtschaftliche und gleichzeitig qualitativ hochwertige Versorgung sicherzustellen. Diese Kompetenz darf ihnen nicht weggenommen werden.“
Hier geht es zum Positionspapier „Keine Rückkehr zu Ausschreibungen in der Hilfsmittelversorgung“: https://eurocom-info.de/ueber-uns/positionen-und-stellungnahmen/
Über eurocom
eurocom ist die Herstellervereinigung für Kompressionstherapie, orthopädische Hilfsmittel und digitale Gesundheitsanwendungen. Der Verband versteht sich als Gestalter und Dialogpartner auf dem Gesundheitsmarkt und setzt sich dafür ein, das Wissen um den medizinischen Nutzen, die Wirksamkeit und die Kosteneffizienz von Kompressionstherapie und orthopädischen Hilfsmitteln zu verbreiten. Zudem entwickelt eurocom Konzepte, wie sich die Hilfsmittelversorgung aktuell und in Zukunft sicherstellen lässt. Dem Verband gehören die maßgeblichen Unternehmen aus den Bereichen Kompressionstherapie und orthopädische Hilfsmittel an, die im deutschen und europäischen Markt tätig sind.
