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Neue Studie veröffentlicht: Deutlicher Anstieg der Demenzfälle bis 2060 in Schleswig-Holstein erwartet
Die Anzahl der Demenzfälle in Schleswig-Holstein wird bei einer weiter steigenden Lebenserwartung auf bis zu 80.504 im Jahr 2060 zunehmen. Würden die verschiedenen Präventionsszenarien zugrunde gelegt, könnten die Demenz-Fallzahlen im Jahr 2060 deutlich niedriger liegen und sich zwischen 49.034 und 58.639 Fällen stabilisieren. © AOK/hfr.

Neue Studie veröffentlicht: Deutlicher Anstieg der Demenzfälle bis 2060 in Schleswig-Holstein erwartet

Fast die Hälfte der Neuerkrankungen kann durch Prävention vermieden werden

Kiel – Die Anzahl der Demenzfälle in Schleswig-Holstein wird bei einer weiter steigenden Lebenserwartung von heute 44.834 auf bis zu 80.504 im Jahr 2060 zunehmen. Das zeigen aktuelle Prognosen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) in Kooperation mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln. Auf Basis eines kleinräumigen Prognoseverfahrens wird für das Jahr 2060 bezogen auf alle Personen in der regionalen Bevölkerung eine Spanne von 2,2 Prozent Demenz-Erkrankten in Kiel und bis zu 3,9 Prozent in den Kreisen Plön, Ostholstein und Nordfriesland vorausgesagt. „Die zunehmenden Demenzerkrankungen stellen nicht nur für die Betroffenen und deren Angehörigen, sondern auch für die Gesellschaft sowie das Gesundheits- und Pflegesystem eine große Herausforderung dar. Da es bisher keine Heilung für Demenzen gibt, könnte eine gute Prävention jedoch die Effekte der Alterung der Gesellschaft auf die Häufigkeit von Demenzen kompensieren“, sagt Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der NordWest.

Demenz-Neuerkrankung mit Prävention verringern

Nach internationalen Studien tragen in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht soziale, lebensstilbedingte und gesundheitsbezogene Faktoren wie andere Erkrankungen zum Demenzrisiko bei. „Nach heutigem Stand der Wissenschaft kann eine Verbesserung vieler verschiedener oft miteinander im Zusammenhang stehender Faktoren dazu beitragen, dass fast die Hälfte der Demenz-Neuerkrankungen vermieden werden kann“, sagt AOK-Vorstandsvorsitzender Tom Ackermann. Dazu gehört ein gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung, ausreichend Bewegung und der Verzicht auf Alkohol und Rauchen. Außerdem können eine gute Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Hörstörungen und die Vermeidung sozialer Isolation einer Demenzentwicklung wirkungsvoll vorbeugen. Dazu bietet die AOK NordWest ihren Versicherten unterschiedliche Angebote von individuellen Gesundheitskursen in Präsenz oder Online, Chronikerprogramme, Präventionsangebote in Lebenswelten wie Schulen, Kitas, Betrieben oder spezielle Vorsorgeangebote wie Gesundheits-Check-Ups.

Würden die verschiedenen Präventionsszenarien für Schleswig-Holstein zugrunde gelegt, könnten die Demenz-Fallzahlen im Jahr 2060 deutlich niedriger liegen und sich zwischen 49.034 und 58.639 Fällen stabilisieren. „Die Szenarien verdeutlichen, welches enorme Potenzial in der Prävention steckt. Schon vergleichsweise kleine Verbesserungen bei den Neuerkrankungsraten können langfristig sehr große Effekte haben“, so AOK-Chef Ackermann.

Ländliche Regionen besonders betroffen

Die Prognose der Demenz-Entwicklung und der Bevölkerungszahlen basiert auf einem neuartigen Verfahren, mit dem es auch möglich ist, Ergebnisse regional fein gegliedert bis auf Kreisebene darzustellen. In den Ergebnissen auf Ebene der 15 Kreise und kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein zeigt sich, dass die bereits heute bestehenden Unterschiede zwischen städtischen Regionen mit relativ junger Bevölkerung und ländlichen Regionen mit relativ alter Bevölkerung deutlich zunehmen werden. Im Jahr 2020 reichte die Spanne der Demenz-Prävalenz in Schleswig-Holstein von 1,3 Prozent in Kiel bis 1,8 Prozent in Lübeck. Für das Jahr 2060 wird eine Spanne von 2,2 Prozent in Kiel bis zu jeweils 3,9 Prozent in den Kreisen Nordfriesland, Plön und Ostholstein prognostiziert. Der Unterschied zwischen der Region mit der höchsten und der niedrigsten Demenz-Prävalenz beträgt damit mehr als das 1,7fache. Auf Landesebene ergäbe sich in Schleswig-Holstein im Jahr 2060 ein Prävalenzwert von 3,0 Prozent.

Weniger Personen im erwerbsfähigen Alter pro Demenzfall

Mit steigender Lebenserwartung zeigen die Prognosen in Schleswig-Holstein nicht nur eine deutliche Zunahme der Demenzfälle, sondern auch einen Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Dementsprechend wird der steigenden Demenz-Fallzahl eine geringere Zahl an Personen im Alter von 20 bis 65 Jahren gegenüberstehen, die die Versorgung gewährleisten können. Im Jahr 2020 lag das Verhältnis von Personen mit Demenz bei 2,6 je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. Rechnerisch stand also einem Demenzfall eine Zahl von ca. 38 Personen im erwerbsfähigen Alter für die Versorgung gegenüber. Diese Kennzahl wird bis zum Jahr 2060 auf einen Wert von 5,5 ansteigen, sodass auf einen Demenzfall nur noch 18 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen werden. Es werden also deutlich mehr Demenzfälle von weniger Personen zu versorgen sein. Selbst im optimalen Präventionsszenario, in dem sich die Demenz-Fallzahlen stabilisieren, wird sich das Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter verschlechtern, sodass auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter immer noch 3,4 Demenzfälle kommen. Im Vergleich zum Wert von 2,6 im Jahr 2020 entspricht das einer relativen Zunahme um mehr als 34 Prozent des Versorgungsbedarfs.

Auch in der Prognose zu den erwerbstätigen Personen pro Demenzfall zeigt sich eine große regionale Spanne. So wird die Kennzahl zum Verhältnis der Demenzfälle zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter je nach Region Werte zwischen 3,6 und 8,1 erreichen. Bei einem Wert von 8,1 stehen rechnerisch nur noch 12,3 Personen im erwerbsfähigen Alter für die Versorgung eines Demenzfalles in der Region zur Verfügung.

Nationale Demenzstrategie

Ergänzend zur therapeutischen und pflegerischen Versorgung von Demenzerkrankten haben sich inzwischen verschiedene demenzsensible und demenzsensibilisierende Angebote herausgebildet. Im Rahmen der eingeleiteten Nationalen Demenzstrategie sollen etwa konkrete Hilfen für Menschen mit Demenz vor Ort geschaffen werden. Dazu haben das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, das Bundesministerium für Gesundheit, die Länder sowie der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen bislang erste Maßnahmen umgesetzt, die ineinandergreifen: Informationsmaterialien vermitteln Wissen, präventive Hausbesuche werden gefördert und kommunale Fördermittel sollen Angebote lokal verfügbar machen.

Innovative Wohnformen und Netzwerke

Für eine gute Versorgung von Pflegebedürftigen mit Demenz spielen zum Beispiel innovative Wohnformen sowie der gezielte und flächendeckende Aufbau von zuverlässig unterstützenden Netzwerken eine besondere Rolle, die aus An- und Zugehörigen, Ehrenamtlichen sowie Akteuren der Gesundheits- und Pflegeversorgung, einschließlich der Pflegeeinrichtungen bestehen. Diese können das Wohlbefinden von Demenzpatientinnen und -patienten erhöhen, indem sie die Teilhabe und Autonomie erhalten. Dabei handelt es sich häufig um regionale oder temporäre gesellschaftliche Strukturen mit hohem Alltagsbezug. In Schleswig-Holstein fördert die AOK NordWest, wie auch andere Krankenkassen, zahlreiche Demenz-Netzwerke vor Ort.